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23. Mai 2011 1 23 /05 /Mai /2011 14:49

Die Hölle von Volmarstein im Weißwaschgang der Evangelischen Stiftung Volmarstein

 

Stellungnahme zur Präsentation der ESV auf der Homepage „Bundesverband evangelische Behindertenhilfe e.V.“, Titel: „Leben mit der eigenen Institutionsgeschichte- Erfahrungen in der Aufarbeitung von Gewalt in einer Institution“

Link: http://www.beb-ev.de/files/pdf/2011/dokus/gewalt/Praesentation_Dittrich_WS3.pdf

 

Im Rahmen einer Präsentation für den „Bundesverband evangelische Behindertenhilfe e.V.“ (BeB) zeichnete die Evangelische Stiftung Volmarstein (ESV) die Phasen der Aufarbeitung der Misshandlungen behinderter Kinder in den zwei Nachkriegsjahrzehnten nach.

 

Die ESV befasst sich nun seit März 2006 mit dem dunklen Kapitel ihrer Geschichte. Darum kann man wenig Verständnis dafür aufbringen, dass einige aufgezeigte Punkte nicht richtig oder stark falsch dargestellt und andere wichtige Fakten ausgelassen wurden.

 

Die Anmerkungen und Korrekturen sind kursiv eingefügt.

 

Leben mit der eigenen Institutionsgeschichte - Erfahrungen in der Aufarbeitung von Gewalt in einer Institution

 

I. Die Vorphase: Die Vergangenheit holt uns ein ( 2006)

Auslöser war das Buch Peter Wensierski „Schläge im Namen des Herrn“, das bundesweit eine Diskussion über Gewalt in der Fürsorgeerziehung in den 1950/60 er Jahre auslöste.

In Rahmen dieses Diskussionsprozesses kam es auch zu einer intensiven Kontroverse über die damaligen Zustände im Johanna-Helenen-Heim, dem Stammhaus der Evangelischen Stiftung Volmarstein.

Ein „Leserbrief-Streit“ in der UK Westfalen-Lippe, begleitet von Artikeln in der regionalen Presse hat das Thema „öffentlich vermarktet“ und eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema unumgänglich gemacht.

 

1. Hintergrund:

Das Jahr 2006 war für die Stiftung ein Jahr des Umbruchs:

Pfarrer Ernst Springer ging nach 18 Jahren Vorstandstätigkeit Ende 2006 in den Ruhestand.

Der neue Vorstandsprecher Pfarrer Jürgen Dittrich war gewählt und begann seinen Dienst der Einarbeitung im September 2006.

Die heftige öffentliche Kontroverse begann im Frühjahr 2006.

Eine Gruppe ehemaliger Heimkinder schloss sich aufgrund der Beleidigungen des Stiftungssprechers Ernst Springer im April 2006 (http://gewalt-im-jhh.de/Wie_alles_begann_-_Presseberic/UK220406.jpg) und der kritikwürdigen „Volmarsteiner Erklärung“ vom 20. Juni 2006 (http://gewalt-im-jhh.de/Volmarsteiner_Erklarung_von_Er/volmarsteiner_erklarung_von_er.html)

im August 2006 zur „Freien Arbeitsgruppe JHH 2006 “ zusammen und bündelte ihre Interessen.

Im Hintergrund der Initiative „Freie Arbeitsgruppe JHH 2006“ standen Ulrich Bach, der von 1962 bis 1996 als 3. Anstaltspfarrer tätig war und u. a. Konfirmanden im Johanna-Helenen-Heim Unterricht erteilte, Wolfgang Möckel und Helmut Jacob.

 

2. Der „Anlass“ der öffentlichen Kontroverse: die Leserbriefaktion und – reaktion

-wochenlange Diskussion in der UK Westfalen 12/06 bis 17/06 von ehemaligen

-Heimkindern aus Volmarstein und über sie und darüber hinaus / Kommentare

- Helmut Jakob provozierender Leserbrief UK 9/06 „Die Hölle von Volmarstein“

„Die gute Nachricht zuerst: Die meisten Kinder haben sie überlebt. Und nun die schlechte: Die meisten Kinder haben sie erlebt und einige täglich: die Hölle von Volmarstein. … Leider darf man nicht die Namen von Verbrechern nennen und so auch nicht jene Teufel, die unter dem Kronenkreuz in der Hölle gewütet und kleine Kinder körperlich, seelisch und sogar sexuell misshandelt haben“.

- Ernst Springer antwortet mit einem eigenen Leserbrief, in dem er seine Betroffenheit (Betroffenheit ist nicht zu erkennen; eher Rechtfertigungsversuche) ausdrückt, auf Einzelfälle hinweist und Menschen benennt, die den damaligen Heim-Kindern helfend zur Seite standen

Menschen, die den damaligen Heim-Kindern helfend zur Seite standen, benennt Springer nicht, sondern er schreibt „ ... und kennen auch die ,Engel von Volmarstein’ – Herr Jacob übrigens auch.“ Weil die ESV zu Springers Zeit trotz Aufforderung keine „Engel von Volmarstein“ nennen konnte, hat die FAG JHH 2006 von sich aus diese sogenannten Engel ermittelt und über sie auf ihrer Homepage berichtet.

 

Stattdessen schreibt Springer, was hier fehlt: „Erstens sind wir Herrn Jacobs Hass auf schreckliche Erlebnisse seiner Kindheit und seine Institutionskritik gewohnt, ja verstehen Herrn Jacob hier vor Ort [Es hat nie ein Gespräch zwischen Springer und Jacob zu dieser Thematik stattgefunden]. Wir wissen aber auch, wie Traumatisierungen oft den Blick trüben, zumindest fixieren können.“

(http://gewalt-im-jhh.de/Wie_alles_begann_-_Presseberic/UK220406.jpg)

 

3. Aufbrechende Fragestellungen

- die „offene Wunde“ der Heimkindersituation JHH wurde bereits Mitte der 90er Jahre benannt, aber nicht als Aufgabe erkannt:

als 1996 Pastor Ulrich Bach in den Ruhestand verabschiedet wurde, (bereits 7 Jahre vorher, anläßlich der Silbernen Konfirmation des Jahrganges 1964) berichteten einzelne ehemalige Heimkinder ihm von prekären Umständen ((der Begriff „prekär“

(http://de.wiktionary.org/wiki/prek%C3%A4r) stellt eine Verniedlichung der erzählten Gewalt dar.)) in den 50er/60 Jahren.

- Ulrich Bach hat wohl in seiner Abschiedsrede auf diese Wunde hingewiesen

(er hat nicht hingewiesen, sondern gegen den unübersehbaren Willen von Springer diesen Text S. 1, 2, 3 Abschnitt 1 vorgelesen: http://gewalt-im-jhh.de/Grobe_Unwahrheit_-_ESV-Leiter_/Bach_Buchauszug_Marianne.pdf , siehe auch: http://gewalt-im-jhh.de/Grobe_Unwahrheit_-_ESV-Leiter_/grobe_unwahrheit_-_esv-leiter_.html und als offene Aufgabe die Bearbeitung der damaligen Situation benannt. Darauf wurde nicht eingegangen und es geschah keinerlei Aufarbeitung. Es wurde von keiner Seite Druck gemacht („Mantel des vergessenen Schweigens“)

- das historische Archiv der ESV war in einem schlechten Zustand ( mehrfache Umzüge)

 

4. Erste Erklärungs- und Aufarbeitungsversuche 2006

- Pfarrer Ernst Springer hat sich persönlich sehr intensiv mit der Thematik auseinandergesetzt und hat immer alle Materialien/ Erklärungen/Schriftwechsel dem DW EKD in Durchschrift zur Verfügung gestellt.

- Er hat persönlich recherchiert (wovon nichts zu finden ist)

(http://gewalt-im-jhh.de/Archiv_der_ESV_-_gesammelte_Er/archiv_der_esv_-_gesammelte_er.html) und m.E. dabei zu wenig beachtet, dass er in der Rolle des Vorstandssprechers ist und damit als Organvertreter der Stiftung gesehen wird, dem man immer eine interessensgeleitete Aufarbeitung unterstellt

- deutlicher Vorwurf war seitens der ehemaligen Heimkinder, dass die Aufarbeitung nicht Mitte der 90 er Jahre bereits begonnen wurde

- Erarbeitung (nicht Erarbeitung, sondern bereits Veröffentlichung am 20. Juni 2006 http://gewalt-im-jhh.de/Volmarsteiner_Erklarung_von_Er/volmarsteiner_erklarung_von_er.html) der „Volmarsteiner Erklärung“ durch Vorstand/Aufsichtsrat/Kuratorium im Sommer 2006 (also 3 Monate nach dem Leserbrief Jacob in UK http://gewalt-im-jhh.de/Wie_alles_begann_-_Presseberic/UK_12_-_190306.jpg)

- Negative Reaktion auf diese Erklärung durch die ehemaligen Heimkinder

 

5. Die „ Volmarsteiner Erklärung “ 2006

Aufgrund der Sichtung von Archivmaterialien und persönlichen Berichten von Betroffenen hat Pfarrer Ernst Springer eine sogenannte „Volmarsteiner Erklärung“ vorbereitet, die dann vom Aufsichtsrat und Kuratorium beschlossen und veröffentlicht worden ist.

- es handelt sich ansatzweise um eine erste Gesamtsicht der Probleme, um aktiv sprachfähig zu werden

Die FAG JHH 2006 ist der Meinung, dass es sich nicht „ansatzweise um eine erste Gesamtsicht der Probleme, ...“ handelt, sondern Springer mit dieser Erklärung das Thema nach einem viertel Jahr (!) beenden wollte.

- diese im Juni 2006 erstellte Erklärung auf der Basis von zusammengetragenen Zeitzeugenberichten

Es fehlt auch die Feststellung, dass die versprochene Archivierung der Schilderung der Kindheit nicht stattgefunden hat, weil – laut Dittrich - kein schriftliches Material vorlag.

(http://gewalt-im-jhh.de/Archiv_der_ESV_-_gesammelte_Er/archiv_der_esv_-_gesammelte_er.html)

sollte die Gesprächsebene eines Treffens der damals betroffenen Personen im September 2006 werden Das war uns nicht eröffnet worden.

Zweifaches Ziel:

- interne Kommunikation im Rahmen der FB/WB der ESV

- Zuarbeit für die angekündigte Aufarbeitung des Thema durch DW EKD

 

ln der „Einleitenden Erklärung“ heißt es u.a.:

„Wir sprechen diesen Opfern der damaligen Zeit unsere Anteilnahme aus, trauern mit ihnen über ggfs. eine „verlorene Kindheit“ und solidarisieren uns mit ihren Leiderfahrungen. Wir bedauern, jetzt erst aufgrund der aktuellen Thematisierung – für viele nicht mehr Lebende zu spät – auf diesen weißen Fleck der Landkarte unserer Anstalts- bzw. Stiftungsgeschichte“, der gegenüber den anderen Heim- und Lehrwerkstätten unserer Stiftung offensichtlich ein „schwarzer“ war, gestoßen zu sein.- Wir versichern den betroffenen Menschen, dass wir ihre Schilderung ihrer Kindheit für glaubwürdig halten und ihre Zeugnisse lebendig erhalten. Sie werden archiviert, um sie der Gegenwart und Zukunft zugänglich zu machen im Sinne des „Nie wieder wie einst“.

(http://gewalt-im-jhh.de/Archiv_der_ESV_-_gesammelte_Er/archiv_der_esv_-_gesammelte_er.html)

Namens der Ev. Stiftung Volmarstein entschuldigen wir uns, dass die Grausamkeiten damals nicht verhindert, unterbunden und geahndet wurden und bitten um Vergebung und Versöhnung“.

Hier fehlt: „Ernst Springer entschuldigt sich im Namen der ESV dafür, dass, wer auch immer, irgendwelche Grausamkeiten (also keine Verbrechen) damals nicht verhindert, unterbunden und geahndet hat, - und dafür bittet er (wen überhaupt?) um Vergebung - und dazu noch um Versöhnung. Er entschuldigt sich nicht für die Verbrechen an den Hilflosesten der Gesellschaft überhaupt: an behinderten Kleinkindern und Kindern. Er entschuldigt sich nur dafür, dass die damalige OAV die Aufsichtspflicht verpennt hat. Mehr nicht. Dafür bittet er um Entschuldigung.“ http://gewalt-im-jhh.de/Stellungnahme_zur_Volmarsteine/stellungnahme_zur_volmarsteine1.html

 

6. Der „Forderungskatalog“ der Freien Arbeitsgruppe Johanna-Helenen-Heim

   ( FAG JHH 2006 )

- Ein umfangreicher Forderungskatalog wurde überreicht (4/2007):

(1) angemessene 4-fache Entschuldigung

      - Entschuldigung wegen der Situation in den 50er/60er Jahren

      - Entschuldigung für das Schweigen in den Jahren 1997-2006

      - Entschuldigung für „Antwortleserbriefe/Pressearbeit“ etc. seit 2006

      - Entschuldigung für unangemessene Volmarsteiner Erklärung der ESV

Zu unkonkret, um die Entschuldigungsformulierungen nachzuprüfen, darum hier im Wortlaut:

1.a. Entschuldigungen wegen der Vergehen gegenüber den Kindern im Johanna-Helenen-Heim und anderen Häusern der Orthopädischen Heil-, Lehr- und Pflegeanstalten Volmarstein

1.b.Entschuldigungen für das Schweigen, Leugnen, Verharmlosen in den Jahren 1967-2006

1.c. Entschuldigungen für die Beleidigungen, Ehrverletzungen und Unwahrheiten der ESV in     Leserbriefen, Presseverlautbarungen, Gesprächen und  Interviews in der Presse, insbesondere in „Unsere Kirche“ und „Westfälische Rundschau“ in den letzten 12 Monaten der Aufarbeitung,

1.d. Entschuldigungen für die beleidigenden und kränkenden Äußerungen der ESV in der „Volmarsteiner Erklärung“ (Schreiben der ESV vom 20.6.2006).

http://gewalt-im-jhh.de/Voraussetzungen_zur_Kooperatio/voraussetzungen_zur_kooperatio.html

Tatsächlche Entschuldigungsformulierung: „Für die Evangelische Stiftung Volmarstein kann ich mich auf diese Weise nur mit tiefem Bedauern und großer Betroffenheit dafür entschuldigen, dass Sie in der genannten Zeit Repressalien ausgesetzt waren, wie sie in der Dokumentation nachzulesen sind.“ (http://gewalt-im-jhh.de/Gewalt_in_der_Korperbehinderte/Vorwort_ESV.doc)

 (2) Konkrete Hilfe für Betroffene

(3) Aufarbeitung der Geschichte mit Zielvorgaben

(4) Dokumentation der Kindheitserinnerungen als Beitrag zur Therapie

 (5) Unterstützung bei rechtlichen Ansprüchen und möglichen Entschädigungsansprüchen

(6) Forderung auf Errichtung einer Gedenktafel

(7) Der „gute Ruf“ der Diakonie - Wie ehrlich und partizipatorisch arbeitet Ihr Eure dunklen Flecken auf?

Es fehlt der Hinweis, dass dieser Forderungskatalog bis auf kleinere Zusagen abgelehnt wurde. (http://gewalt-im-jhh.de/Ablehnung_der_konkretisierten_/ablehnung_der_konkretisierten_.html)

 

 

II. Die Hauptphase:

Die strukturierte wissenschaftliche Aufarbeitung 2007 - 2010

- Die bisherige Aufarbeitung war durch die starke mediale Aufmerksamkeit (regional und überregional) „vergiftet“ und litt unter gegenseitigen Verdächtigungen

- der Kreis der betroffenen ehemaligen Heimkinder liegt bei ca. 60 Personen

Diese Zahl ist nicht belegbar und spekulativ. Ein Blick in: „Zusammenfassung der Aufarbeitung der Grausamkeiten, Brutalitäten und Verbrechen an behinderten Kleinkindern und Kindern in der Zeit zwischen 1947 und 1969 in verschiedenen Häusern der damaligen Orthopädischen Anstalten Volmarstein.“, Seite 2, hätte näheren Aufschluss gegeben. Dort heißt es zu einer Adressenliste eines Mitschülers:

„ ... hat er etwa 235 Personen erfasst.

Diese gliedern sich auf in:

- ehemalige Schüler/Innen  (223)

- ehemalige Diakonenschüler oder Diakonische Helferinnen (22)

Aus dieser Gesamtzahl hält er Kontakt zu 53 Personen:

-          43 Mitschüler/Innen im JHH von der Mädchenstation, der Jungenstation und der 

      Kleinkinderstation.

-          6 Diakone, die zu dieser Zeit als Diakonenschüler gearbeitet haben.

-          Ferner hat er Kontakt zu 4 anderen Personen.

-           

Es ist ... bekannt, dass etwa 30 Schüler/Innen bereits gestorben sind.

http://gewalt-im-jhh.de/Aufarbeitung_der_Grausamkeiten_171108.pdf

 

Daraus 60 betroffene Heimkinder abzuleiten, ist abwegig. Etwa 30 Betroffene haben die an ihnen begangenen Gewalttätigkeiten und/oder Verbrechen teilweise, nur eine Schülerin ausführlich, geschildert und waren mit einer Dokumentation auf der Homepage einverstanden. Weitere Schulkollegen und Kolleginnen haben zwar über ihre Zeit im Johanna-Helenen-Heim gesprochen, wollten dieses Gespräch aber nicht veröffentlicht sehen. Eine weitere Gruppe will mit dieser Vergangenheit nichts mehr zu tun haben (Angst vor Retraumatisierungen, Angst vor der Konfrontation der Familie oder des Partners mit der Vergangenheit), eine andere Gruppe will sich noch äußern. Ein Ehemaliger hat seine Kindheit im JHH positiv beurteilt. Wieder andere haben keinen Internetanschluss und wissen nichts von den Aktivitäten der FAG JHH 2006.

Wenn Kinder, die nicht einmal selbst Gewalt erfahren, diese allerdings täglich sehen, werden sie zu Opfern. Entweder leiden sie stumm mit den Misshandelten, oder sie verrohen (stumpfen ab), oder sie machen sich selbst diese Gewalt zu eigen. In allen drei Fällen sind sie letztendlich Opfer. Wieviel Ehemalige psychische, physische und sexuelle Gewalt erfahren haben, wird sich nicht mehr ermitteln lassen.

 

- die Freie AG JHH 2006 besteht aus ca. 10 – 15 Personen (9 Personen, davon 4 ehemaligen Schülern, 1 ehemaligen Schülerin, 2 ehemaligen Diakonenschülern, 1 ehemaligen diakonischen Helferin, 1 weiteren Person)

- die „Volmarsteiner Erklärung“ wurde zum Teil missverstanden als vorschneller Beschwichtigungsversuch (Die Arbeitsgruppe hat sie komplett als Beschwichtigungs- und Vertuschungsversuch betrachtet.)

- die Volmarsteiner Erklärung war eine einseitige Erklärung seitens der Ev. Stiftung und ist nicht dialogisch erarbeitet worden und brachte den Vorwurf ein: „ Ihr redet über uns, aber nicht mit uns!“ und: Ihr sagt die Unwahrheit!

- Erkenntnis: das DW EKD kann nur sehr begrenzt und unter bestimmten Gesichtspunkten die angekündigte Aufarbeitung leisten und ersetzt nicht eine umfassendere eigene Aufarbeitung

 

1. Beginn der wissenschaftlich-historischen Aufarbeitung 2007- 2010

- Wechsel im Amt des Vorstandssprechers: Der „neue“ Vorstandssprecher konnte unbelastet die Aufarbeitung mit neuen Akzenten fortsetzen

- Treffen mit der Gruppe der ehemaligen Heimkinder inklusiv „FAG JHH 2006“

- Beauftragung der wissenschaftlichen Aufarbeitung durch Prof. Hans-Walter Schmuhl und Dr. Winkler

- Vorstellung der Wissenschaftler und deren Arbeitsweise/ Zielsetzung

- Bitte um Mitarbeit und Unterstützung/ Zusicherung von Vertraulichkeit

Es fehlt der Hinweis, dass allerdings die Übernahme der Kosten, die durch die Unterstützung der Historiker anfallen, seitens der ESV abgelehnt wurde.

- Gesamtbesichtigung des heutigen Johanna-Helenen-Hauses

- Unterstützung der Treffen der FAG JHH

- Kritik an der „Langsamkeit/Gründlichkeit“ der Studie ( 2008)

- Erneuter Forderungskatalog an die ESV

- das Vertrauen zwischen FAG JHH und ESV wächst

- die FAG JHH baut eine eigene homepage auf ( www.gewalt-im-jhh.de)

- auf dieser eigenen homepage wird „alles“ dokumentiert einschließlich des Briefwechsels mit der ESV / Irritationen und Bedrohung der FAG JHH 2006

http://gewalt-im-jhh.de/ESV_droht_mit_juristischen_Mas/esv_droht_mit_juristischen_mas.html

- die FAG JHH ist gut vernetzt, intelligent und hat einen guten Draht zu den Medien auf allen Ebenen: Äußerungen und Forderungen erscheinen sofort mindestens in den lokalen Medien

- ein WDR-Team begleitet 2008/2009 die Arbeit der FAG JHH und dokumentiert anhand der Situation und Emotion einzelner Betroffener

 

Neben der wissenschaftlich-historischen Aufarbeitung durch die Historiker Schmuhl/Winkler hat die FAG JHH 2006 seit Gründung der Arbeitsgruppe im Misstrauen auf die „Volmarsteiner Erklärung“ dieses Kapitel der ESV selbst aufgearbeitet. Zu diesem Zweck hat sie selbst Interviews unter Zeugen und mit Tonaufzeichnung durchgeführt und verschriftlicht. Diese Zusammenfassungen wurden anonymisiert und auf der Homepage veröffentlicht. Die Historiker Schmuhl/Winkler bescheinigten dieser Dokumentation Seriosität (http://gewalt-im-jhh.de/Bericht_der_Historiker_Prof__S/bericht_der_historiker_prof__s.html) und griffen immer wieder im Rahmen ihrer Dokumentation auf diese Homepage zu. Die FAG JHH 2006 veröffentlichte ihre Erkenntnisse in einer „Zusammenfassung der Aufarbeitung der Grausamkeiten, Brutalitäten und Verbrechen an behinderten Kleinkindern und Kindern in der Zeit zwischen 1047 und 1969 in verschiedenen Häusern der damaligen Orthopädischen Anstalten Volmarstein“ im November 2008.

http://gewalt-im-jhh.de/Aufarbeitung_der_Grausamkeiten_171108.pdf

 

- Befürwortung eines Runden Tisches in Berlin und große Enttäuschung und Empörung darüber, dass hier die Belange der ehemaligen Heimkinder aus der Behindertenhilfe nicht aufgearbeitet werden!

- regelmäßiger Bericht über die Entwicklung der Heimkinderdiskussion in der ESV und darüber hinaus

- Regelmäßiger Bericht in den eigenen Publikationen ( VG, VI )

- Begrüßung der Aufarbeitung durch aktive Mitarbeitende/ MAV etc.

- Kritik und eher Zurückhaltung bei ehemaligen Mitarbeitenden

- „das Blatt wendet sich“: auch medial wird die Art der Aufarbeitung mit Intention und Intensität positiv gesehen

- das Thema und die Sensibilität für das Thema auch außerhalb de ESV ist ausgeprägt

 

2. Die wichtigsten Ergebnisse der historischen Aufarbeitung 2007- 2010

- in der Zeit 2007-2009 hat es einige Treffen mit Betroffenen gegeben/kurze Zwischenberichte/ Hinweise auf durchzuführende Interviews

- März 2009 Martinskirche in Wetter-Volmarstein: Die „vorläufigen“ Ergebnisse der Studie werden durch Prof. Schmuhl/ Dr. Winkler öffentlich

- großes mediales Interesse

- Betroffenheit und offene Diskussion mit Betroffenen

- Ergebnis der Studie: - keine „ Einzelfälle“

- in Summe war es schlimmer als wir es uns vorgestellt haben

- das Johanna-Helenen-Heim litt unter einem massiven Entwicklungsstau mit Folgewirkungen bis ca. 1967

- Lehrerin/Schwestern waren auch für damalige Verhältnisse außergewöhnlich gewalttätig und hart und vergriffen sich in einer Weise an den Kindern, die als verbrecherisch zu bezeichnen ist und schon zu der Zeit justiziabel war. Die Formulierung „außergewöhnlich gewalttätig“ beschreibt nicht ausreichend die verbrecherischen Komponenten (Sexualdelikte, Isolationsfolter, Körperverletzungen). Die FAG hat in ihrem Bericht, die Historiker in ihrem Buch, die entsprechenden Paragraphen aufgeführt.

http://gewalt-im-jhh.de/Aufarbeitung_der_Grausamkeiten_171108.pdf Seite 41

 

- eine Sozialwaise wurde besonders schlecht behandelt („schlecht behandelt“ verharmlost)

Diese Aussage ist falsch. Es ist eine Sozialwaise, die ihre schlechte „Behandlung“ ausführlich geschildert hat. Andere behinderte Kinder wurden ebenso oder noch grausamer misshandelt, haben teils schwere körperliche und/oder seelische Schäden davongetragen. Sie haben ihr Erlebtes allerdings nicht ausführlich geschildert.

 

3. Schritte der Versöhnung

- „Endlich glaubt man uns“ – Traumatisierungen und Therapien

- nach der AR-Sitzung Frühjahr 2009 ergeht an alle ehemaligen Heimkinder ein „Entschuldigungsbrief“ durch die ESV ( 06/2009) mit Bezug auf die vorläufigen Ergebnisse der Studie

- Treffen mit dem Sprecherkreis FAG JHH 2006 unter Hochspannung im Sommer 2009: Wie geht es jetzt weiter?

Umfeld: die medial weit verbreiteten hohen Wiedergutmachungsforderungen des Vereins ehemaliger Heimkinder/ Enttäuschung über den Runden Tisch

- WDR-Fernsehen will kurzfristig an diesem entscheidenden Gespräch teilnehmen

- Entschuldigungsbrief wird grundsätzlich anerkannt aber über die Annahme der Entschuldigung seitens der Opfervertreter nicht entschieden mit einigen kritischen Hinweisen

- positive Resonanz

- der FAG JHH 2006 wird angeboten, ein eigenes Vorwort mit ihrer Sichtweise der Entwicklung im erscheinenden Dokumentationsbuch zu schreiben

- die ESV stellt jedem Betroffenen ein Buch (mehrere Bücher, Dittrich: Buch muss unters Volk) zur Verfügung

- die ESV bietet jedem/jeder Betroffenen auf Antrag therapeutische Hilfen an

- einigen Betroffenen, für die sich die FAG JHH besonders einsetzt, werden soziale Einzelhilfen angeboten ( besondere Einzellösungen ) / „Vertrauensfrau“

- ein zu errichtendes neues Kinderheim wird nach einer Hauptbetroffenen benannt: Marianne-Behrs-Haus

 

3. Schritte der Versöhnung

- hohe Anerkennung dieses Lösungsansatzes

- Buch der Aufarbeitung erscheint im März 2010:

Schmuhl/Winkler (Hg.), Gewalt in der Körperbehindertenhilfe. Das Johanna-Helenen-Heim in Volmarstein von 1947 bisw 1967 (ergänzt mit einer CD der chronologischen Entwicklung der FAG JHH 2006 www.gewalt-im-jhh.de

- gemeinsame Pressekonferenz März 2010

- Heute: gutes Verhältnis zu den Betroffenen

 

 

III. Nachbetrachtung: Erkenntnisse und Nachwirkungen

1. Allgemein

- Thema wurde anfänglich unterschätzt (Springer hat Gruppenmitglieder völlig unterschätzt)

- Leserbriefreaktion war Anfang einer großen publizistischen Welle

- Archiv war in einem schlechten Zustand: Heute angemessene Archivräumlichkeiten

- Unterschätzung des öffentlichen Interesses an dem Thema

- starke „Selbsthilfegruppe“ FAG JHH 2006

- „offene Türen“ für kritische Themen: kritische Themen nicht unterm Deckel halten, sondern offensiv dialogisch angehen

- wissenschaftliche Aufarbeitung durch Externe

- nicht wissenschaftliche Aufarbeitung durch die Freie Arbeitsgruppe JHH 2006

 

2. Politisch: Runder Tisch Heimerziehung Berlin

Es ist völlig unverständlich, dass die Arbeit des Runden Tisches in Berlin sich ausschließlich auf ehemalige Heimkinder aus dem Fürsorgebereich konzentriert hat. Mit der Übergabe des Berichts an den Bundestag ist die thematische gesellschaftliche, politische und diakonische Aufarbeitung nicht beendet.

Von den Ergebnissen des RT Berlin sollen auch ehemalige Heimkinder der Behindertenhilfe profitieren.

Unverständnis: Mit dieser Haltung steht die ESV relativ singulär dar.

Unter Berücksichtigung der speziellen Forderung der FAG JHH 2006 ist einsehbar, dass der „Runde Tisch Heimerziehung“ Berlin (RTH) diese Wünsche nicht abdecken kann. Die Frage des Verbleibs und der Pflege Schwerstbehinderter in häuslicher Umgebung zur Vermeidung eines erneuten traumatisierenden Heimaufenthaltes kann nur auf Länderebene (Landschaftsverbände, Kreis- und Kommunalverwaltung) gelöst werden. Mit den vom Runden Tisch Heimerziehung empfohlenen 4.000 Euro (als Höchstgrenze unter noch festzulegenden Voraussetzungen und den schon bekannten Einschränkungen, die die Anzahl der Antragsteller radikal reduzieren) kann der Bedarf der behinderten Heimopfer nicht ansatzweise abgedeckt werden. Diese Tatsache wird von der ESV völlig ignoriert.

 

Im Rahmen der Übergabe des Berichts an Petitionsausschuss/Bundestag hat die ESV auf breiter Basis Politisch Verantwortliche angeschrieben und wird dies weiter betreiben.

Es ist nicht nachzuvollziehen, warum die ESV diese Bemühungen nicht dokumentiert hat. Im Fall von Veröffentlichung hätte dies a) eine größere Wirkung entfaltet, b) wären die Bemühungen nachprüfbar gewesen.

 

3. Evangelische Stiftung Volmarstein

Verankerung des Themas Aufarbeitung der Erfahrung von Gewalt anhand der Heimkinderdiskussion mit Betroffenen in interner Fort- und Weiterbildung

Entwicklung von bereichsübergreifenden Konzepten ( Sexualpädagogik, Gewalt, etc.) in der ESV:

„Entwicklung von Leitlinien zur Sexualbegleitung und zum Handeln bei sexuellen Grenzverletzungen“ sowie Bildungsveranstaltungen „Lernen aus der Geschichte“ : Überarbeitung des Verhaltenskodex

Aufnahme des Themas in die Prozessentwicklung „Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in der ESV und durch die ESV“

 

(copyright:

   
Betreff:         AW: copyrightanfrage    
Von:         "Dr. Thomas Schneider" <schneider@beb-ev.de>  ins Adressbuch  |  zum Chat einladen    
An:         helmutj50@web.de    
Datum:         24.05.11 17:32:18

Sehr geehrter Herr Jacob,

 

haben Sie vielen Dank für Ihr Schreiben vom 23. Mai.

 

Zur Dokumentation unserer Tagungen stellen wir die Materialien der einzelnen Beiträge üblicherweise auf unserer Homepage ein (wobei es sich in aller Regel um die den Vorträgen zugrunde liegenden Manuskripte oder Präsentationen handelt und das vor Ort gesprochene Wort davon abgewichen sein kann). Da auch der Vortrag von Herrn Dittrich insofern bereits öffentlich ist, wie Sie richtig festgestellt haben, steht aus unserer Sicht einer zusätzlichen Veröffentlichung von Ihrer Seite nichts entgegen.

 

Gehe ich recht in der Annahme, dass Sie Herrn Dittrich bereits in Kenntnis gesetzt haben?

 

Freundliche Grüße

 

Thomas Schneider"

 

_______________________________________________ 

 

Dr. Thomas Schneider

Pressesprecher

Bundesverband evangelische Behindertenhilfe e.V. (BeB)

Altensteinstraße 51

14195 Berlin

Tel.: 030 / 83 001-274

Fax: 030 / 83 001-275

Mobil: 0160/ 90 24 26 75

E-Mail: schneider@beb-ev.de

Internet: http://www.beb-ev.de

 

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Published by Helmut Jacob
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