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9. Dezember 2011 5 09 /12 /Dezember /2011 18:36

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Sein Pseudonym ist „MeaCulpa“. Unter diesem schreibt Andy B., in London lebend (Name und Anschrift sind mir bekannt) in verschiedenen Internetforen, die das Thema Heimkinder diskutieren. Ich wollte wissen, wer hinter „MeaCulpa“ steckt und habe ihn befragt.

 

Sie heißen Andy B., nennen sich jedoch „MeaCulpa“. Wie kommen Sie zu diesem Namen?
Es ist ein Nickname, welchen ich bewusst gewählt habe. Erstens ist er im Einklang mit der katholischen Auffassung weltweit, dass alles Geschehene die Schuld der Mißbrauchten selbst, jedes Einzelnen ist; dass wir die Verführer waren. Zweitens soll dieser Nick ausdrücken, was selbst Nicht-Katholiken in den Heimen immer wieder vorgeworfen wurde: Ihr seid nichts wert, Ihr seid die Fortsetzung der 'Erbsünde’, es ist alles Eure eigene Schuld.

Welcher Grund hat Sie nach England verschlagen?
Meine Mutter und zwei Schwestern lebten seit Kriegsende in England. Jedoch hatte ich keinen Kontakt zu ihnen hier in England, bis ich mir eine Existenz aufgebaut hatte. Die wussten noch nicht einmal, dass ich komme. Ich war nie ein Almosenempfänger, nicht von meiner eigenen Familie abhängig, auch heute nicht.

Zu meiner Zeit vor der Übersiedlung nach England muss ich ein wenig ausholen: Wenn man bedenkt, dass man für gehobene Stellungen jegliche Art von Lebensläufen ausfüllen musste, wird verständlich, dass man als ehemaliges Heimkind ohne Netz und doppelten Boden arbeitete. Es galt, die gesamte Heimzeit zu verschleiern und zu verstecken. Dieses hatte ich auch gut gemeistert, bis zur letzten Arbeitsstelle. Ein grosser Verlag in Süddeutschland, bei dem ich angestellt war, hat mir nach einigen Monaten Vertrauensbruch vorgeworfen. Die hatten herausgefunden, dass ich kein Bruder im Kloster war, sondern Heimkind. Auch, dass ich meine Kindheit nicht bei meiner Mutter in England verbrachte, usw. Nach Einschaltung eines Rechtsanwalt, wirkte sich alles zu meinem Nutzen aus.
Meine Heimzeit hat mich immer verfolgt.
Zu diesem Zeitpunkt wurde mir bewusst, dass für mich als ehemaliges Heimkind in Deutschland keine Zukunft lag. An einem Sonntag kam ich in London an. Am Montag morgen hatte ich den ersten Job, als wenn man auf mich gewartet hätte. So konnte ich zur sogenannten „Stunde Null“ ein neues Leben anfangen. Ich habe es nie bereut.

Waren Sie Heimkind in Deutschland?
Ja, für 12 lange Jahre, 9 Jahre in katholischer und 3 Jahre in staatlicher Zwangsverwahrung. Zudem musste ich als Fünfjähriger für sechs Monate in ein katholisches Altersheim. Warum, ist mir heute noch unklar; vielleicht um frühzeitig das Sterben zu lernen.

In dieser Zeit habe ich systematischen sexuellen Missbrauch, eine „Schwarze Messe“, wo man mir den Teufel austreiben wollte und natürlich die erzieherische Grundnahrung, Prügel, Prügel, Prügel bei den Katholiken erlebt.
Im staatlichen Erziehungsheim wurde ich nahezu dreimal totgeschlagen.

Sie haben sich mit dem Thema Heimkinder in der Nachkriegszeit beschäftigt. War es in allen Ihnen bekannten Heimen schlimm oder kennen Sie solche, in denen die Kinder und Jugendlichen anständig behandelt wurden?
Herr Jacob, hier darf ich sie gleich korrigieren. Es waren für mich keine Heime, es waren ausgesprochene Zwangsanstalten oder Terrormühlen.

Denn alles wurde mit Gewalt, mit Prügelstrafe durchgezogen. Oder glauben Sie wirklich, ich wollte als 12jähriger mit 2 Pferden Kartoffeln roden, oder ein Feld pflügen? Wie jeder in diesem Alter wollte ich Fussball, Handball spielen, Mühle, Dame und Mensch ärgere Dich nicht spielen. Spielen gab es nur, wenn man gut gearbeitet hat. So unterlag jegliches Tun einem brutalen Zwang.
Nach meiner Meinung unterschieden sich die Heime nur in Nuancen voneinander. Im Grunde waren alle gleich, es waren Terrormühlen, wo wir Kinder durch alle möglichen sogenannten Erziehungsmittel terrorisiert wurden. Ein Heim war schlimmer als das andere. Die Waffen der Schikanierung waren immer dieselben: Rohrstöcke, Weideruten, Rosenkränze, Schlüsselbunde, das Eckenstehen, Stillschweigen, und der gleichen. In einem Heim hatte man sogar polizeiähnliche Hartholzknüppel.
Sie sehen, dass ich leider nicht von Heimen, sondern nur von Terrormühlen sprechen kann.
Ich möchte es mit der folgenden Aussage verdeutlichen. In einem Heim - ich war mittlerweile 17 Jahre - hatte man 8 richtige Gefängniszellen und einen ausgepolsterten Raum.
Wenn man dort hineinkam, wurde man durch ein sogenanntes Rollkommando körperlich aufgemischt.
Zu 3 Gelegenheiten haben mich Leute verkloppt, welche nicht zum Heimpersonal zählten und mir total unbekannt waren. Ich fühlte mich nach jeder dieser Folterungen dem Tode nahe, denn mit Prügel hatte es wenig zu tun; das war Folter pur.
Die Vermutung liegt nahe, dass es sich um geschultes Personal der nahe gelegenen (ein paar hundert Meter) Sicherheitsverwahrung gehandelt hat. Es ist historisch bewiesen, dass die zwei führenden Köpfe der Heimleitung schon zu Nazizeiten ihr Unwesen im Bereich der Sterilisation und Euthanasie getrieben haben und nach Kriegsende sofort wieder übernommen wurden. Dementsprechend waren die Methoden ausgerichtet. Hier wurde die totale Willensbrechung praktiziert. Meine Erlebnisse in diesem Heim sind Gegenstand einer neuen Studie einer deutschen Universität.


Wie stehen Sie zu den Empfehlungen der beiden Runden Tische?
Leute welche „nein“ meinen und mit „ja“ abstimmen, sollte man eigentlich als Handlanger der Täter-Organisationen bezeichnen. Jedoch überlasse ich das den Augen und dem Urteilsvermögen des Betrachters. Durch das „Ja“ haben diese Menschen generell den Weg verbaut, um unsere Sache auf die internationale Ebene zu bringen. Es war ein ausserordentlicher Schlag in das Gesicht jedes einzelnen ehemaligen Heimkindes. Ich lehne grundsätzlich alle Beschlüsse ab, da sie im Sinne der Täter erzielt wurden.


In welcher Form engagieren Sie sich für die Heimopfer?
Da ich durch lebenslanger Arbeit in den Medien, erst bei Verlagen, später dann in der IT-Branche, sehr gut plaziert bin, kann ich natürlich alles mit Rechnern und Netzwerken machen; das schliesst die verschiedenen Betriebssysteme ein. Ich habe schon vor längerer Zeit in verschiedenen Foren jedem Heimkind angeboten, für ihn einen eigenen Blog zu erstellen. Dieser Blog würde ihre Geschichte erzählen und von mir kostenlos betreut werden. Man kann nicht genug unterstreichen, dass diese Form der persönlichen Berichterstattung sehr wichtig ist und sehr effektiv sein kann.

Ich habe mich insbesondere für die Demo in Münster engagiert, da diese ja etwas in den Schatten geriet, durch die Demo in Bochum. Zu diesem Zweck habe ich auch einen Demo-Münster-Blog erstellt. www.heimkinder-demo-muenster.over-blog.de/
Durch meine Mitgliedschaft in SNAP, dem Internationalen Netzwerk für Überlebende von sexuellem Missbrauch bei Priestern (dieses schliesst natürlich alles ein), habe ich international viele Freunde gewonnen und mich daher den Zielen unserer Sache doch hauptsächlich international voll zur Verfügung gestellt und das nicht nur gegen die katholische Kirche. Neben Deutschland gibt es ein viel größeres Feld, welches es zu bearbeiten gilt. Denken wir nur an Irland oder im Moment an Australien. Jedoch helfe ich immer da, wo es brennt in dem dreckigen Morast, solange ich meine Hilfe von London aus bewerkstelligen kann. Auch nehme ich an Aktivitäten hier in London teil.

Um all dieses zu bewerkstelligen, benutze ich Skype mit Webcam, auch einen eigenen Chatserver und andere technische Hilfen. Des Weiteren habe ich in der Vergangenheit durch alle möglichen Websites, welche über meinen eigenen Servern laufen, auf dieses dreckige Geschäft weltweit aufmerksam gemacht, welches sich auch in Zukunft nicht ändern wird.
Jedoch, wann immer meine deutschen Heimkinderkameraden meine Hilfe brauchen, bin ich bereit, diese zu leisten.

Wie sind Ihre Erfahrungen im Umgang mit anderen Heimopfern?
Man muss hier eines bedenken, nämlich dass alle ehemaligen Heimkinder im Selbsttraining das Überleben gelernt haben. Dieses macht sich insbesondere in der Forenwelt bemerkbar, ob international oder aber in den deutschen Foren.

Ich selbst war da auch kein Kind von Traurigkeit, weil ich leider immer sagen muss, was ich denke. Ansonsten wäre ich mir selbst untreu. Wenn ein neuer Tag anbricht, ist alles Schnee von Gestern für mich. Jedoch muss ich zugeben, was da manchmal abläuft, kann schon traurig wirken. Ich persönlich halte mit 3, 4 Ehemaligen, die ich sehr schätze, Kontakte.

Sollten Opfer an der Umsetzung der Empfehlungen mitwirken?
Unter keinen Umständen, da sie sich automatisch zu Werkzeugen der Täter machen. Zudem liegt keinerlei Mandat der Mehrheit der ehemaligen Heimkinder vor. Durch den Verhaltenskodex der „absoluten Schweigepflicht“, welcher in allen Verhandlungen praktiziert wurde, rudern alle im selben Boot. Das kann und darf nicht von den ehemaligen Heimkindern akzeptiert werden. Ich vertraue keinem dieser Leute, die denken, für diese Aufgabe der Mitarbeit bei der Fondsumsetzung in Frage zu kommen.


Welche persönlichen Hoffnungen speisen sich für Sie aus den Empfehlungen der Runden Tische?
Herr Jacob, es ist fair zu sagen: Absolut keine, da ich alles ablehne in der jetzigen Fassung.


Interviewer: Helmut Jacob

Zur besseren Verständlichkeit wurden die Antworten durch den Fragesteller leicht überarbeitet.

 

Heimkinder, Gewalt, Evangelische Kirche, Katholische Kirche, Runder Tisch Heimerziehung, Runder Tisch Sexueller Missbrauch

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Published by Helmut Jacob
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