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26. September 2011 1 26 /09 /September /2011 23:11

Der Papst und die Heimkinder – Mein persönlicher Kehrbesen

Verpasste oder nicht gewollte Chance zur Entschuldigung und Wiedergutmachung

 

papstdemo2.jpg

 

Das waren sie also, dreieinhalb Tage Hochgefühl vieler gläubiger Katholiken. Ihr Papst ist da. Ihr Papst war da.

Was ist in Erinnerung geblieben? Da ist der junge Mann, der vor laufender Kamera etwa so meinte: „Ich habe ihn zwar nicht gesehen, aber ich habe seine Aura gespürt. Schon darum hat sich die Anreise gelohnt.“ Da sind drei Gottesdienste, die ich so nebenbei mit einem Auge verfolgte. Dreimal das „Mea culpa“: „…durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine große Schuld.“ Aber war da nicht etwas vor etwa 1980 Jahren? Ist ER nicht gestorben für uns „Sünder“ und damit Hölle und Fegefeuer ins Reich der Märchen verbannt? Da ist der akademische Festvortrag im Bundestag, den nicht alle Abgeordneten verstanden, der einige sichtbar ermüdete und den etliche boykottierten. Erstaunlich war, dass augenscheinlich manche Stühle ganz hinten links mit Geistlichen aufgefüllt waren.

Und da waren die Annäherungsversuche der Evangelischen Kirche. Es war mir, als wollte der Ratsvorsitzende die Ökumene mit strammem Händedruck erzwingen. Das hat aber nicht geklappt; die Brille des Papstes hat die Attacke stark abgemildert. Ein Fernsehkommentator deutete diese Szene in einem freudchen Versprecher als Umarmung. Also, Fortschritte auf dem Weg zur Ökumene gab es keinen Fußnagel lang.

Und dann ist da noch das Thema Heimkinder. Die standen überhaupt nicht auf der öffentlichen Agenda. Eine kleine Gruppe sexuell Missbrauchter bekam klammheimlich eine halbe Stunde Gehör. Natürlich darf man mehr in so wenigen Tagen nicht erwarten. Aber hat diese Begegnung mit fünf Opfern überhaupt im päpstlichen Terminkalender gestanden? Zweifel sind erlaubt. Dass dieses Treffen unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden sollte, um die Intimsphäre der Opfer zu schützen, kann jeder nachvollziehen, der nicht in der Materie steckt. Andere wissen natürlich, dass viele Opfer die Öffentlichkeit suchen, um das ihnen zugefügte Leid anzuprangern. Wieso erfuhr die Öffentlichkeit erst nach der Begegnung von ihr? Schließlich hatte die Presse, haben Rundfunk und Fernsehen schon im Vorfeld und zu Beginn des Papstbesuches immer wieder nach diesem für sehr viele Missbrauchten wichtigen Termin gefragt.

Eine halbe Stunde für fünf Opfer und für solche, die in der Aufarbeitung stehen. Bischof Ackermann muss dabei gewesen sein, denn er fungierte danach als päpstlicher Pressesprecher. Da kann für die Opfer nicht viel Zeit zu Gesprächen gewesen sein.

Aber gibt es nicht auch noch hunderttausende andere Opfer der Katholischen Kirche? Was ist mit den zwangsmissionierten Kinder und Jugendlichen, die teils durch die Straßen getrieben und in die Kirchen hineingeprügelt wurden? Was ist mit jenen, die zur Messdienerei gezwungen und die zum Teil noch in der Sakristei missbraucht wurden? Was ist mit dem kleinen Mädchen, dass nachts von einer Nonne aus dem Kinderbettchen gerissen, dem im Heimgarten ein Spaten in die Hand gedrückt wurde mit dem Befehl, sein eigenes Grab zu schaufeln? Was ist mit den unzähligen Kindern und Jugendlichen, die täglich zusammengeschlagen, erpresst, sexuell gedemütigt, in ihrer Ehre verletzt, beleidigt und verspottet wurden und denen man die Ausbildung teilweise oder ganz verweigerte? Was ist mit den vielen tausend Opfern, die heute arm sind, weil sie aufgrund des erlebten Grauens nie am Leben in der Gesellschaft teilnehmen konnten, was mit denen, die heute noch ihr Leid in sich hineinfressen und/oder längst in der Psychiatrie sitzen? Was ist mit den ehemaligen Säuglingen und Kleinkindern, die Jahre und Jahrzehnte später merkten, dass sie „eine Macke haben“ und denen erst jetzt dämmert: Da war etwas im Kinderbett, das mein Leben in falsche Bahnen lenkte.?

Sie alle waren nicht aktuell in den Tagen des Papstbesuches. Er sollte oder wollte den aktuellsten Brand löschen. Der evangelische Theologe Dierk Schäfer zitiert aus der Erklärung der kath. Kirche zum Treffen des Papstes: „Papst Benedikt XVI. ist den Opfern nahe und bringt seine Hoffnung zum Ausdruck, dass der barmherzige Gott, der Schöpfer und Erlöser aller Menschen, die Wunden der Missbrauchten heilen und ihnen inneren Frieden schenken möge.“

Dazu Dierk Schäfer: „Der barmherzige Gott, der Schöpfer und Erlöser aller Menschen“ wird’s schon richten, seine Kirche nicht, sofern es überhaupt „seine“ Kirche ist. Sie überläßt dem Herrn die Arbeit, das ist billiger.“

Und billiger hat etwas mit Kosten zu tun; - darüber, über die Reparatur der Schäden und der Langzeitschäden war in diesen Tagen kein katholisches Wort zu hören oder zu lesen.

Der Papst war da. Für die Opfer seiner Kirche eher ein Ereignis, bei dem die Chance zur aufrichtigen Entschuldigung und Wiedergutmachung verpasst wurde oder gar nicht wahrgenommen werden sollte.

 

Links:

EKD Ratsvorsitzender Schneider geht auf Ratzinger zu:

http://www.youtube.com/watch?v=827sB7wwj-4&feature=related

Ackermann zum Treffen mit Missbrauchsopfern:

http://www.domradio.de/benedikt/76681/nicht-irgendein-termin.html

http://www.rhein-zeitung.de/regionales_artikel,-Ackermann-erlebte-Papst-beschaemt-und-erschuettert-_arid,312046.html

(Darin Film über protestierende ehemalige Heimkinder)

Dierk Schäfer, evangelischer Theologe, zum Treffen des Papstes mit Missbrauchsopfern:

Benedikt XVI trifft Missbrauchsopfer: http://dierkschaefer.wordpress.com/2011/09/23/benedikt-xvi-trifft-missbrauchsopfer/

Geheimdiplomatie: http://dierkschaefer.wordpress.com/2011/09/24/geheimdiplomatie/

Noch einmal Geheimdiplomatie: http://dierkschaefer.wordpress.com/2011/09/26/noch-einmal-geheimdiplomatie/

 

Heimkinder, Heimopfer, Missbrauch, Papstbesuch, Papst, Katholische Kirche, Entschuldigung, Wiedergutmachung

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Published by Helmut Jacob
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