Overblog Folge diesem Blog
Edit post Administration Create my blog
15. Juli 2012 7 15 /07 /Juli /2012 16:47

Die Präsentationen der Heimopfer im Internet

Vorbemerkung:

Was verstehe ich unter Tätervertreter? Dies sind die Verantwortlichen, die in der Rechtsnachfolge einer bereits bestandenen und noch heute bestehenden Institution stehen, in der Menschen tätig waren, die durch ihr Denken und Handeln anderen Menschen gegenüber zu Tätern wurden. In den drei Nachkriegsjahrzehnten waren dies – bezogen auf den Heimkinderskandal - gelernte und ungelernte Mitarbeiter in Einrichtungen, in denen Kinder oder Jugendliche zu erzieherischen und/oder schulischen Maßnahmen oder zur Pflege untergebracht waren. Zu Tätern wurden sie meist durch die Ausübung physischer und psychischer Gewalt und/oder durch den sexuellen Gebrauch ihnen Anvertrauter. Es waren aber auch die Verantwortlichen in den heiminternen oder kommunalen und staatlichen Aufsichtsorganen, die durch ihr Wegschauen verbrecherische Taten ermöglichten. Der Begriff „sexueller Missbrauch“ impliziert, dass es einen tolerierten sexuellen Gebrauch geben könnte. Nach meinem Verständnis ist allerdings jede sexuell motivierte Zuwendung zu einem Anvertrauten bereits ein Missbrauch.

Während die Täter in der größten Zahl bereits verstorben sind, die Institutionen, in denen derartige Verbrechen stattfanden, sich teils umetikettierten (aus den Anstalten wurden Stiftungen, aus den Anstaltsleitern Stiftungsleiter oder -sprecher), stehen und bleiben die heutigen Heimleitungen in der Rechtsnachfolge der schon zuvor vorhandenen Einrichtungen.

Der Weg vom Tätervertreter zum Täter ist recht kurz. Macht man sich mit den Taten und/oder Tätern gemein, schützt man sie gar, verharmlost man die Taten, unterschlägt man Akten, manipuliert man den Diskussionsprozess im Rahmen der Aufarbeitung zugunsten der Einrichtungen, bedroht man gar Opfer, widmet man ihnen nicht die notwendige Aufmerksamkeit, Ehrlichkeit und das mitfühlende Verständnis, um die erfahrene Gewalt durch die Täter teils kompensieren zu können, wenigstens jedoch erträglicher werden zu lassen, wird man schnell zum Täter. Man übt dann zwar keine direkte psychische, physische oder sexuelle Gewalt aus, aber man verhindert die umfangreiche Bestrafung der Täter, Rehabilitation der Opfer, Sühne und Wiedergutmachung der Straftaten durch die Täter, die Rechtsnachfolger und andere Verantwortliche. Im Rahmen der Aufarbeitung der Verbrechen in den drei Nachkriegsjahrzehnten am „Runden Tisch Heimerziehung“ (RTH), von 2008 bis 2010, wurde von vielen infragekommenden Rechtsnachfolgern, aber auch am RTH selbst, manipuliert, unterschlagen, verharmlost, Begriffe umdefiniert, bedroht („Wenn ihr nicht zustimmt, platzt die ganze Arbeit“ oder ähnliche Formulierungen) und damit das gewünschte Ergebnis in der Form umgelenkt, dass die Täter, die Nachfolgeorganisationen, die Aufsichtsbehörden und die Träger von Einrichtungen weitgehend von ausreichenden Wiedergutmachungsansprüchen verschont werden. Der Opferfonds von 120 Mio. Euro, aufgeteilt auf wahrscheinlich noch 500.000 Überlebende der Heimhöllen (auch solcher, die am RTH kein Gehör fanden, wie z.B. Säuglinge, Behinderte oder in die Psychiatrie Eingewiesene), ergibt eine Entschädigungssumme von 240 Euro pro Opfer. Davon aus dem Opferfonds abgezogen wurden bekannterweise 10 % für administrative Aufgaben, so dass statistisch gesehen jedes Opfer 216 Euro Entschädigung erhält.

Zum Thema: Vor einigen Tagen las ich in einem Diskussionsforum, dass die Administratoren ihre Arbeit in andere Hände übergeben, zumindest erheblich einschränken wollen. Wenn sich keine Nachfolger finden, die die Verwaltung des Forums übernehmen, wird auch diese Opferplattform bald der Vergangenheit angehören. Schon einmal wurde auf einer wichtigen Opferseite die Arbeit eingestellt. Es ist die Homepage von Klaus Klüber www.ex-heimkinder.de. Erfreulicherweise hat Klüber seine Homepage geöffnet gelassen, so dass die alten Beiträge alle nachgelesen werden können. Gelegentlich finden dort noch Eintragungen statt. Gelegentliche Eintragungen sind auch im Forum der Diakonie lesbar. Der letzte Eintrag soll von Ende Juni dieses Jahres sein. Auch das Forum der Diakonie war einst sehr beliebt und wurde von Opfern aber auch wohlmeinenden Sympathisanten frequentiert. Sie alle wurden – das muss einmal so drastisch ausgedrückt werden – „zum Teufel gejagt“. Liest man die Einträge aus der Zeit 2008 bis 2010, erkennt man blanke psychische Gewalt anderen Menschen, selbst anderen Opfern gegenüber. Beleidigungen, die meist umgehend vom Homepagebetreiber gelöscht wurden und Drohungen mit juristischer Verfolgung gaben sich die Klinke. Mitte 2008 wurde dieses Forum geschlossen und auf Initiative zweier dort engagierter Schreiber Ende des Jahres 2008 wieder geöffnet. Das Engagement seitens der Opfer ließ jedoch erheblich nach und auch die Sympathisanten verabschiedeten sich aus dem Forum.

Heute ist mir bis auf das erst genannte Forum, das in andere Hände übergeben werden soll, kein aktives Forum (mit täglichen Eintragungen) bekannt. Viele Aktive haben sich in geschlossene Gruppen von Facebook zurückgezogen oder ihre Aktivitäten völlig eingestellt. In der Öffentlichkeit bekannt sind noch die Homepage der „Freien Arbeitsgruppe JHH 2006“, das Blog des Pfarrers im Ruhestand Dierk Schäfer aus Bad Boll, die Homepage des nach Australien ausgewanderten ehemaligen Heimkindes Martin Mitchell, die Homepage Betroffener von sexualisierter Gewalt „netzwerkB“ unter Federführung von Norbert Denef. Denef ist allerdings vor 38 Tagen in den Hungerstreik getreten. Wenn sein Hungerstreik ihm gesundheitlich zusetzt, ist auch diese Plattform gefährdet.

Die Tätervertreter mögen sich die Hände reiben. Die Klagen der Opfer verstummen. Die schreibenden Opfer sind größten Teils untereinander zerstritten, viele „Kämpfer“ sind müde oder wurden zerrieben, ihnen Wohlgesonnene haben sich anderen Aufgaben zugewandt, die Presse berichtet nur noch sporadisch über das Thema Gewalt in den Nachkriegsjahrzehnten.

Man möchte deprimiert sein angesichts des Gefühls, dass die Strategie der Tätervertreter, nämlich das Aussitzen der Vergangenheitsschuld und Abwarten der biologischen Lösung, aufgehen könnte. Noch drei, fünf, vielleicht zehn Jahre, und das Kapitel „Heimerzierung in den Nachkriegsjahrzehnten“ gehört der Vergangenheit an.

EHK-News1.jpg

Blog von "MeaCulpa"

Aber noch ist es nicht soweit. Neue Seiten tun sich auf im großen World Wide Web. Seit 30. Mai dieses Jahres ist das Blog „http://ehk-news.over-blog.de/“ im Netz. Es ist ein „Tagebuch“, über das der Betreiber – der auch unter dem Pseudonym „MeaCulpa“ Beiträge ins Internet stellte - schreibt: „Auf diesem Blog werden wir alle geplanten Demos, Proteste oder Treffen der ehemaligen Heimkinder bekannt geben, soweit wir davon unterrichtet werden. Des weiteren bringen wir alle Nachrichten ueber ehemalige Heimkinder und verwandte Themen.“. Seitdem sind dort täglich aktualisierte Informationen abrufbar. Das Blog informiert über Aktivitäten von in der Aufarbeitung Aktiven und bildet einen Pressespiegel ab, der die Themen rund um den Begriff Gewalt dokumentiert. In der Kategorie „Berichte“ sind bereits 296 Einträge zu finden. In der rechten Leiste finden sich Links zu Foren, Blogs und Homepages von ehemaligen Heimkindern oder in dem Thema Engagierter. Über 10.000 Seitenaufrufe in 1 ½ Monaten zeigen, wie sehr dieses Blog angenommen wird. Die erste Seite zeigt aber auch, dass noch zahlreiche Blogs und HP’s im Netz geschaltet sind. Sehr umfangreich ist auch seine Fotogalerie aus verschiedenen Ländern, darunter 929 Fotos aus der Bundesrepublik, unter anderem auch von der Demonstration der Heimopfer am 15. April 2010 in Berlin: http://meaculpa.piwigo.com/

ehk-Besucher-150712.jpg  Seitenaufrufe Blog von "MeaCulpa"

Auch andere Seiten habe immer mal wieder das Thema „Heimkinder“ auf der Agenda. Genannt sei hier der „Humanistische Pressedienst“ (hpd) mit http://hpd.de/. Herausgegeben wird das Blog von einem Trägerverein, dem derzeit zehn Privatpersonen angehören.

Aufmerksam geworden bin ich auch auf die Seite „Gewaltüberlebende Christinnen & GottesSuche - Glaube nach Gewalterfahrungen (Ökumenische Arbeits- und Selbsthilfegruppe)“ mit der Seiten-URL: "http://www.gottes-suche.de/". Unter dem Button „Kirche und Gewalt“ sind die Kategorien „Sexuelle Gewalt und katholische Kirche“ und „Dokumente aus Gesellschaft und Politik“ aufrufbar. Während in der erstgenannten Kategorie Pressemitteilungen rund um das Thema sexuelle Gewalt zu finden sind, liest man in der zweiten Aufsätze und Ausarbeitungen zum Thema. Der Link zu den Ausführungen von Prof. Manfred Kappeler zur Arbeit des „Runden Tisches Heimerziehung“ führt bedauerlicherweise zu einer Fehlermeldung. Ansonsten ist auch das Blog eine überwältigende, ständig sprudelnde Informationsquelle.

Ausruhen können sich die Tätervertreter und die moralisch Verantwortlichen längst noch nicht. Einige Blogs verschwinden, neue kommen hinzu. Einige Internetforen werden zwar stillgelegt, sind aber noch einsehbar. Das Thema wird neu entdeckt und neu verfolgt, wie die zwei letztgenannten Blogs beweisen. Diese Hartnäckigkeit spielt den Opfern in die Hände. Es sind gerade die, denen die Gabe des Schreibens oder das Artikulieren, Aussprechen ihrer Erlebnisse nicht gegeben bzw. möglich ist, es sind die stummen Heimopfer, beispielsweise die in den Heimen untergebrachten Säuglinge und schwerstbehinderten Kinder, die von der permanenten Aufbereitung und Aktualisierung des Themas profitieren. Diese Hartnäckigkeit der Enthusiasten rührt sicher auch daher, dass sie selbst darunter leiden, es zumindest empörend finden und als einen Skandal betrachten, dass Wiedergutmachungs- und Schmerzensgeldleistungen bisher kategorisch abgelehnt werden. Auch die moralisch verantwortlichen Instanzen, Evangelische Kirche und Diakonie, Katholische Kirche und Caritas, der Bund, die Länder mit ihren Landschaftsverbänden, die Kommunen, werden mit dieser öffentlichen Aufarbeitung der Verbrechen immer wieder konfrontiert und an ihre moralische Pflicht erinnert.

Diesen Post teilen

Repost 0
Published by Helmut Jacob
Kommentiere diesen Post

Kommentare

Mandolinchen 07/23/2012 10:55

Ob das Thema zum Dauerbrenner wird liegt auch an den Angehörigen der Opfer. Leider schämen sich viele. Ein Heimkinder in der Verwandschaft? Aber nicht doch...........und da liegt der Hase im
Pfeffer: nach wie vor ist man stiigmatisiert, und solange sich das nicht ändert, bleibt vieles, auch viele Schicksale, im Dunkeln. Die schweigende Mehrheit ist größer als die kämpfende
Truppe.........leider..

Meaculpa 07/19/2012 14:58

Wenn andere aufgeben, wir machen weiter Helmut.

Robby Basler 07/15/2012 19:07

Ich möchte gerne noch auf drei Homepages hinweisen:

www.demo.byme-magazin.de
www.sed-opfer.byme-magazin.de
www.bgh.byme-magazin.de

lg.robby