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1. Oktober 2010 5 01 /10 /Oktober /2010 18:42

"Er ist rausgeflogen!“, wurde mir per E-Mail gestern Abend mitgeteilt. Der Absender wisse es aus dem Umfeld des Präsidenten. In der offiziellen Version gibt es bisher zwei Ausführungen: Laut Homepage der Diakonie legte Kottnik sein Amt aus gesundheitlichen Gründen nieder. Nach einer Pressemitteilung von „Wohlfahrtintern.de“ vom 29.09.10 steckt mehr dahinter: „Der 58-Jährige war zuletzt wegen eines Filzverdachts in die Schlagzeilen geraten. Ein persönlicher Referent arbeitete zugleich bis 2008 für eine Beratungsfirma, die auch Aufträge von der Diakonie erhielt.“

 

Ob er zurückgetreten ist oder wurde, ist letztendlich auch egal. Das Vertrauen der Heimopfer hat er gründlich verspielt. Hinter dem Begriff „Heimopfer“ verbergen sich Menschen, die vor 30 bis 60 Jahren unter den Dächern auch evangelischer Einrichtungen übelst mißhandelt wurden. Es kam zu Sexualdelikten, zu brutalsten Schlägen kirchlich Angestellter gegen Kinder und Jugendliche, die des besonderen Schutzes bedurften und es kam zu psychischen Vernichtungen junger Menschen. Wer den Begriff „Heimkinder“ googlet, erfährt schnell das Ausmaß damaliger Verbrechen.

 

Als Kottnik das Amt seines ebenfalls zurückgetretenen Vorgängers Jürgen Gohde übernahm und mit dem Dreck der Vergangenheit seines Diakonischen Werkes (damals „Innere Mission“) konfrontiert wurde, hätte er recherchieren oder aber seinen persönlichen Referenten Walter Merz, über den er gestolpert sein könnte, beauftragen müssen. Dann wären die Verbrechen in geballter Form auf seinem Schreibtisch gelandet und er hätte – unwissend oder wenig wissend - nicht jahrelang die Opfer seiner Vorgänger geängstigt und teils traumatisiert. Immerhin hat er durch Leugnung und Verharmlosungen von Verbrechen unter Evangelischen Kirchendächern alte Wunden neu aufgerissen, weil sich Opfer gezwungen fühlten, die ganze Wahrheit zu formulieren.

 

Aufzeichnungen über Kottnik finden sich auf der Homepage behinderter Heimopfer seit dem 1. April 2008. Sein Amtsbruder Dierk Schäfer forderte ihn auf, „eine Stiftung einzurichten, nachdem die rechtlichen und faktischen Grundlagen für die Aufarbeitung dieses Teils der deutschen Vergangenheit sehr desolat zu sein scheinen.“ Wochen danach sprach Kottnik - obwohl das Internet gefüllt ist mit Grausamkeiten - von bedauerlichen Einzelfällen: „Wir sehen Einzelfälle, für diese Einzelfälle haben wir mitinitiiert den Runden Tisch, der entstehen soll. Wir erwarten die historische Aufarbeitung durch die Universität. Wir sehen keine Systematik und deshalb sehen wir auch keinen Fonds.“ (Link nicht mehr vorhanden) Am 23. April forderte sein Amtsbruder Schäfer Kottnik auf „weiteren Schaden von der Kirche abzuwenden. Sollten Sie je die Gelegenheit haben, direkt mit Betroffenen über ihre Heimerfahrungen und über ihre Verlassenheit von Gott und der Welt zu sprechen, dann werden Sie auch erkennen, welchen Schaden die Kirche genommen hat.“ Schäfer weiter: „Zu Wort und Geste muß die Tat hinzutreten, die erkennen läßt, daß man sich unter Berücksichtigung der (darzulegenden) Möglichkeiten, es sich auch etwas hat kosten lassen. Hier ist Irland ein Vorbild.“

 

„... es tut mir unendlich leid, daß so etwas geschehen ist.“, sprach Kottnik ins Mikrofon von „Deutschlandradio Kultur“ am 15. 06. 2009. Erstaunlicherweise ist diese Beileidsbekundung von der Homepage der Diakonie inzwischen verschwunden (http://www.diakonie.de/188_4556_DEU_HTML.htm).

Daß sein Mitleid eher eingeschränkt ist, wird im nachfolgenden Satz erkennbar. Sein Gesprächspartner, ein Heimopfer, habe „eine Erfahrung gemacht, die aber viele andere, die in Heimen gewesen sind, nicht gemacht haben.“ Er tue sich schwer „alle über einen Kamm zu scheren. In der Heimerziehung damals gab es sehr gute Erfahrungen, an denen ich selber auch partizipieren konnte.“ Er sei ja viele Jahre lang Leiter einer großen Einrichtung in Süddeutschland gewesen. „ ... und sie haben alle berichtet, wie wichtig und wie gut die Zeit für sie gewesen ist.“

 

Diese Aussage nachrecherchiert, ergab Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Diakonie-Präsidenten. Im Interview mit „Deutschlandradio Kultur“ ging es um Gewalttätigkeiten und Verbrechen in den drei Nachkriegsjahrzehnten. Die Rundfunkjournalistin Katrin Heise eröffnete das Interview so: „Es hat Gewalt und Hunger gegeben in den Heimen damals. Zirka 800.000 Kinder sind in den 50er- bis Mitte der 70er-Jahre hinein in Heimen aufgewachsen, ...“ Mitte der 70er-Jahre war Kottnik 23 Jahre alt. Der Zeitraum, in dem er „Leiter einer großen Einrichtung in Süddeutschland, der Diakonie Stetten“ war, bezog sich laut Wikipedia auf die Jahre 1991 bis 2007. Dort war er theologischer Vorstand und Vorstandsvorsitzender der Diakonie Stetten. Auf diese Diskrepanz hingewiesen, ließ Kottnik durch den Archivleiter des Diakonischen Werkes, Michael Häusler, antworten: „Gemeint war doch dies: Herr Kottnik wies darauf hin, daß viele Menschen in den 50er bis 70er Jahren als Bewohner gute und sehr gute Erfahrungen in Kinder- und Erziehungsheimen gemacht haben. In seiner Funktion als Leiter einer großen Einrichtung haben ihm ehemalige Heimkinder davon berichtet, so daß er an ihren geschilderten Erfahrungen teilhaben konnte.“ In seinem vorangegangenen Brief an Diakonie-Präsident Kottnik machte der Sprecher der Vertreter behinderter Heimopfer aus Volmarstein den Vorschlag, solche positiven Erlebnisse doch ebenfalls zu dokumentieren,“ um das schiefe Bild dieser Zeit zu korrigieren.“ Häusler im Auftrag von Kottnik: „Ich habe allerdings die Erfahrung gemacht, daß allein der Hinweis darauf, daß es Menschen gibt, die sich gern an ihre Zeit im Heim erinnern, von manchen ehemaligen Heimkindern, die Misshandlungen und Demütigungen erleben mußten, als Versuch angesehen werden, die Glaubwürdigkeit ihres Zeugnisses zu leugnen. Das ist aber gerade nicht unsere Intention, so daß wir uns mit der Veröffentlichung solcher Beispiele zurückhalten.“ Die Seite „Positive Berichte“ ehemaliger Heimkinder aus Jugend- und Kinderheimen auf der Homepage www.gewalt-im-jhh.de blieb bis zum heutigen Tag leer.

 

Wenig später sprach sich Kottnik gegen eine einheitliche Entschädigung aus, eine solche „werde den unterschiedlichen Heimverhältnissen von damals nicht gerecht.“ Gleichzeitig verwahrte er sich gegen die „immer wieder vorgenommene Gleichsetzung der Situation der Heimkinder in der Nachkriegszeit mit der Ausbeutung der NS-Zwangsarbeiter ...“.

Unsäglich auch Kottniks Äußerungen in der Sendung „Frontal“ vom 22. April 2008 zum Thema Zwangsarbeit: „Es war damals zu diesem Zeitpunkt völlig üblich, daß auch die Kinder auf Bauernhöfen mitgearbeitet haben, mit zum Erwerb der Familie beigetragen haben. Und so haben die Kinder, die in den Heimen gelebt haben, mitgeholfen, zum Unterhalt der Heime beizutragen. Also Zwangsarbeit ist etwas, was wir da überhaupt nicht als eine Parallele ansehen.“ Die jugendlichen Zwangsarbeiter von Freistatt, die in den Nachkriegsjahrzehnten unter Prügel und Essensentzug Torf abstechen mußten, auf die der Schäferhund des „Hausvaters“ gehetzt wurde, sehen dies anders.

 

Der Diakonische Rat, das Aufsichtsgremium des Evangelischen Wohlfahrtsverbandes, entsorgte (nach meinem Empfinden) Kottnik laut Stuttgarter Zeitung mit den Worten, er habe „das Verhältnis zwischen Kirche und Diakonie ... weiter vertieft“. Wir Heimopfer tauschen die Begriffe „das Verhältnis“ gegen „den Graben“ und „Kirche“ gegen „Heimkinder“ und verabschieden ihn ohne Mitleid in den Ruhestand, in dem er immerhin noch als Pfarrer den „öffentlichen Bußaufruf an die Kirchen in Deutschland“ seines Kollegen Pfarrer Dierk Schäfer an vorderster Front unterstützen kann.

 

Helmut Jacob

01.10.10

 

http://www.diakonie.de/pressemitteilung-dw-ekd-1330-diakonie-praesident-klaus-dieter-kottnik-legt-sein-amt-nieder-7123.htm

http://www.wohlfahrtintern.de/news-einzelansicht/?tx_ttnews[tt_news]=472&tx_ttnews[backPid]=13&cHash=e20c39733a4aaed61ca23995a94ce8b9

http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/2644799_0_1709_-diakonie-praesident-kottnik-gibt-nach-affaere-auf.html

http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/2622676_0_9223_-filzverdacht-diakonie-kappt-kontakte.html

http://gewalt-im-jhh.de/Blick_uber_den_Tellerrand/blick_uber_den_tellerrand.html

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/thema/982407/

http://www.diakonie.de/188_4556_DEU_HTML.htm

http://helmutjacob.over-blog.de/article-35314549.html

http://helmutjacob.over-blog.de/article-was-halten-sie-herr-prasident-von-aufrichtigkeit-akt-ii-37818226.html

http://www.domradio.de/news/artikel_47027.html

http://helmutjacob.over-blog.de/article-31105190.html

http://www.gewalt-im-jhh.de/Bussaufruf_Dierk_Schafer/bussaufruf_dierk_schafer.html

 

 

Heimkinder, Gewalt, sexueller Mißbrauch, Zwangsarbeit, Wiedergutmachung, Kirche, Diakonie, Diakonisches Werk, Rücktritt Kottnik

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Published by Helmut Jacob
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