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6. November 2011 7 06 /11 /November /2011 14:58

 

„Da ist gar nichts“, erzählte mir die Frau, während sie die Scheibe an der Tür putzte. „Das ist jetzt alles in der Paulus-Kirche“, zeigte sie quer an mir vorbei zu einer Kirchturmspitze. „Aber in der Christuskirche soll doch die Frau Vollmer“ - ich kam gar nicht dazu, meinen Satz zu beenden. „Da ist schon längst nichts mehr“, beharrte sie und mir war, als ob ein Stück Trauer in ihren Worten mitschwang. Zum Kirchenchor der Christuskirche habe sie einmal gehört und sie hätte erlebt, wie es immer weniger wurden, sonntags in den Kirchenbänken. „Manchmal sind zehn, zwanzig Leute dagewesen“. Das habe sich nicht gelohnt, meinte sie und zeigte wieder auf die Kirchturmspitze der Pauluskirche: „Das ist jetzt alles da“. Die Gemeinden seien umgezogen und jetzt fänden alle Gottesdienste in eben dieser Pauluskirche in Bochum statt.

„Aber in der Christuskirche soll doch Frau Vollmer geehrt werden“, wurde ich jetzt ungeduldiger, obwohl mir Geduld besser angestanden hätte. Erst abends fielen mir die vielen Fragen darüber ein, warum es denn in der Christuskirche Bochum so leer ist. „Ach ja Frau Vollmer, ich hab davon gehört. Der Erdenberg-Preis.“ Ich kam nicht dazu, die Frau sanft zu korrigieren und ihr zu sagen, dass es sich um den „Hans-Ehrenberg-Preis“ handelt, jenem Hans Ehrenberg, der jüdischer Pastor war und von seiner evangelischen Kirche aus dem Amt gejagt wurde. “Da ist schon lange nichts mehr“, meinte die Frau und nun spürte ich wegen ihrer Wiederholungen: Sie leidet darunter, dass in „ihrer Christuskirche“, die durch die Chorarbeit auch ihr Leben geprägt hat, nicht mehr viel stattfindet. „Da sind nur noch Konzerte und Veranstaltungen“. Und ich nickte ihr heftig zu: „Ja in der Christuskirche soll Frau Vollmer am 22. November geehrt werden“. „Ach ja, jetzt fällt es mir ein“, so die Frau, „da hängt ein Plakat.“ Wie ich denn fahren müsse, fragte ich sie. „Sie müssen darunter und dann links.“

Ich folgte ihrer Empfehlung. Große Häuser sah ich links. „Diakonisches Werk“ steht auf einem Haus und in unmittelbarer Nähe „Innere Mission“. So genau kann ich die Schriftzüge nicht mehr zuordnen. Mir schoss es nämlich durch den Kopf: Innere Mission? Das war doch der Verein, der die Trägerschaft über das Johanna-Helenen-Heim in Volmarstein hatte. Sofort gingen mir einige gequälte Kinder durch den Kopf. Auch die kleine Puppe, die vor den Augen des kleinen Mädchens von der Schwester Elise zertreten wurde. Das hat Narben hinterlassen, - bis heute.

Irgendwie gelangte ich dann, von der Rückseite her, zur Christuskirche. Ja, so fühlte ich, sie bietet doch ein Stück Heimat. An der Seite trafen sich nämlich Obdachlose, die zum Teil – man sah es an etlichen zersplitterten Flaschen – dem Alkohol zusprachen. Immerhin, hier dürfen sie sein. Auch, obwohl es hier und da ein wenig nach Urin riecht. Ich fuhr um die Scherben herum zum Haupteingang. Jetzt bin ich mir nicht mehr sicher: Davor sind  Stufen, aber rechts daneben kann man durch die Tür. Alle Türen waren geschlossen. Ist das eine Einladung zur Besinnung, zum Verweilen, gar zum Gebet?, fragte ich mich. Eine äußerlich schöne Kirche in der Innenstadt ist an einem hektischen Samstag geschlossen. Aber da fiel es mir ein, die Frau sagte ja: „Da ist nichts mehr!“

Hätte da nicht doch mehr sein können?, fragte ich mich. Wie wäre der Samstag geworden, wenn der Pastor, der so vehement die Verleihung des Ehrenberg-Preises an Antje Vollmer verteidigt, seine Kommentare und E-Mails in der offenen Kirchentür geschrieben hätte? Vielleicht wäre doch der eine oder andere Gläubige oder Ungläubige vorbeigekommen und hätte einen Blick aufs Kreuz gerichtet.

Ich weiß es noch: Vor wenigen Jahren besuchte ich in Holland eine Kirche. Die Tür war weit geöffnet. Ich war nur Sekunden alleine. Schon stellte sich ein Mann vor als Pastor dieser Gemeinde und er wolle mir gern „seine Kirche“ zeigen. Auf den ersten Blick gab es nicht viel zu sehen. Dieser Pastor lehrte mich jedoch den zweiten Blick. Und so war ich weit über eine halbe Stunde gefesselt von den Details, den Inschriften in den Wänden, dem Altar mit seinen Fresken, den Steinen auf dem Fußboden, den vielen scheinbaren Kleinigkeiten, die ich glatt übersehen hatte.

Ja, so etwas gibt es noch – in Holland. Dort geht der Hirte auf seine und sogar fremde Schafe zu. Hier blöken die Schafe hinter ihrem Hirten her, um ihn endlich zu sehen. Von Jahrzehnt zu Jahrzehnt mehr ist beobachtbar, dass für diese Herren der Talar zum Sonntagskleid verkommt und sie von Montag bis Samstag kaum noch Zeit für ihre Mühseligen und Beladenen haben.

Das Gemeindehaus fand ich übrigens auch. Dort sah ich Öffnungszeiten angeschrieben. Aber anders geht es doch nicht, wird mir der Ein oder Andere vorwerfen und ich würde ihm glatt kontern: „Auf dem Gewand Christi standen keine Öffnungszeiten!“ Öffnungszeiten erinnern immer wieder an Beamtenstuben. Und unsere Pastore haben den Beamtenstatus und werden entsprechend nach A 13, beispielsweise wie ein Oberamtsrat, mit Beträgen zwischen 3.000 und 4.000 Euro bezahlt. Damit lässt es sich gut leben; wer da Dienst nach Vorschrift macht, hat ein schönes Leben. In meiner Gemeinde predigen gleich zwei evangelische Pfarrer und noch einer im Ruhestand. Eigentlich müssten die Drei reichlich Zeit für Hausbesuche haben. Ich sah sie noch nie in meinem Haus.

Allerdings haben sie Zeit, über ihr Leid zu klagen und zu demonstrieren: „626 PastorInnen protestieren gegen die weitere finanzielle Benachteiligung der Pastorenschaft“, lese ich und werde auf einen weiteren energischen Satz gestupst: „Niemand wird Pastor oder Pastorin, um viel Geld zu verdienen!“. Wenige Zeilen höher lese ich zu meinem Erstaunen: „Resolution gegen Weihnachtsgeldstreichung“.

„Da ist schon lange nichts mehr“, sagte die Frau mit dem Putzlappen in der Hand. Und ich verstehe: Das sind auch viele hausgemachte Probleme. Wer nicht auf die Leute zugeht, wie ein Versicherungsvertreter auf mögliche Kunden, muss sich nicht wundern, dass er keine neuen Verträge für seine Kirche abschließt.

 

http://www.kirche-mv.de/fileadmin/ELLM-Gesetze/Pastor/Besoldungsgesetz.pdf

http://de.wikipedia.org/wiki/Amtsbezeichnung

http://pix.kirche-mv.de/fileadmin/ELLM-Gesetze/Pastor/BesoldungstabelleAb2011.pdf

http://www.pastorenausschuss-hannover.de/?cat=10

 

Evangelische Kirche, Christuskirche Bochum, Pfarrer, Besoldung, Gehalt

 

Dierk Schäfer (Dipl.-Theologe) dazu:

 

Mit Ihrem Artikel „Da ist schon lange nichts mehr“, haben Sie, lieber Herr Jacob, ein kleines Kabinettstückchen einer Problembeschreibung geliefert. „Vom kleinen Untergang der Kirchen“ schreiben Sie und treffen den Nagel auf den Kopf.

Unsere Kirchen sind Gebäude aus dem Geist des Mittelalters, und auch die zu unserer Zeit gebauten setzten zumeist diese Struktur  fort. Manche Gemeinden hatten jedoch begriffen, daß sie eine „Mehrzweckhalle“ brauchen und bauten ein Gemeindezentrum. Ich mag zwar diese alten Kirchen, mein Photostream bei Flickr zeugt davon. Aber der Geist, aus dem sie gebaut wurden, erschließt sich vielen Menschen nicht mehr. Sie hatten in Holland das Glück, daß Ihnen ein Pfarrer „seine“ Kirche erklärt hat – und er hatte das Glück, auf jemanden zu stoßen, der zuhören wollte. Allerdings konnte er in dieser Zeit keine Hausbesuche machen und manchem Gemeindemitglied wird es nicht gefallen haben, daß er seine Arbeitszeit ausgerechnet an einen „Moffenländer“ verschwendet.

Doch zurück zum Problem: In den Großstadtzentren, die schon lange keine Wohnzentren mehr sind, hat man mangels Gemeinden schon früh „Stadtkirchenkonzepte“ entwickelt und damit „Themengemeinden“ geschaffen. Dank Migration und demographischer Entwicklung ist dies mittlerweile auch in Provinzstädten erforderlich. Aber viele schmerzt es, daß da schon lange „nichts mehr“ ist, kein Gottesdienst, kein Kirchenchor, sondern nur Vortragsveranstaltungen, die nicht jedermanns Ding sind. Das gilt auch für "Vesperkirchen". Sie haben sehr treffend das Dilemma beschrieben, in dem sich die Kirche befindet.

Aber ich halte diese Angebotserweiterung für sinnvoll. Doch sie ist teuer. In Frankreich kann man sehen, wie Gemeinden, wenn sie kein Geld haben, mit ihren mittelalterlichen Gebäuden umgehen: Sie nutzen sie wie eine Mehrzweckhalle solange die Gebäudesubstanz es erlaubt. Renoviert oder gar restauriert wird kaum – und die Gebäude zerfallen.

Problematischer finde ich, daß manche Gemeinden und auch manche Kollegen noch in mittelalterlichen Denk-Gebäuden leben und meinen, alle müßten so leben. Dieses anscheinend unvermittelbare Neben- oder gar Gegeneinander wird den großen Untergang der Kirchen bedeuten, wenn es nicht gelingt, trotz unterschiedlicher Denk-Gebäude miteinander zu leben. Doch das geht nur, wenn man sich selbst weniger wichtig nimmt und zur „Kirche für andere“ wird.

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Published by Helmut Jacob
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