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9. April 2010 5 09 /04 /April /2010 19:16

Vormals Geschundene und Gequälte sammeln für zukünftige Heimkinder -

für ein „Kuscheliges Kinderheim“ in Volmarstein

 

 „So, und nun machen wir mal Nägel mit Köppe! Wer würde sich an einer Demo in Berlin beteiligen?“ Ausgerechnet im Diskussionsforum des Diakonischen Werks Deutschland wurde mit der Aufforderung der Userin „Mandolinchen“ die Idee zu einer Demonstration ehemaliger Heimkinder geboren. Wenige Tage später schloß sich der Sprecher der „Freien Arbeitsgruppe JHH 2006“, einem Zusammenschluß ehemaliger behinderter Schulkinder, die unter Gewalt und Terror in einem Volmarsteiner Kinderheim in den 50er und 60er Jahren litten, dieser Aufforderung an und stellte den ersten Flyer-Entwurf ins Netz. Darin hieß es unter anderem:

 

„Ehemalige Heimkinder
Ehemalige Schulkinder
Ehemalige Jugendliche
klagen an!

Wir klagen an
weil wir geschlagen wurden
weil wir zwangsgefüttert wurden
weil wir sexuell mißbraucht wurden
weil wir gefoltert wurden
weil wir in dunklen Kellerzimmern eingesperrt wurden
weil wir seelisch zu Grunde gerichtet wurden
weil wir isoliert wurden
weil wir unzureichend ausgebildet wurden
weil wir zu Zwangsarbeit gezwungen wurden
weil man Hunde auf uns hetzte
weil man uns aufeinander hetzte und uns für gegenseitige Misshandlungen
lobte
weil man uns von unseren Geschwistern trennte
weil man uns in die Kirche zwang
weil uns ehemalige KZ-Aufseher erziehen sollten
weil man uns medizinische Hilfe versagte
weil man uns sogar in den letzten 4 Jahren immer beleidigte und die
Gewalt und Verbrechen an uns leugnete oder verniedlichte“


Daraus entwickelte sich ein Flyer im Zweifarbdruck, der in diesen Tagen der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

 

Am 15. April ist es soweit. Um 12 Uhr treffen sich die Demonstranten am Marie-E.-Lüders-Haus in der Luisenstraße 23 am Spreebogen. Dort führt der Zug auf die Dorotheenstraße, am Reichstag vorbei und auf der Ebertstraße zum Pariser Platz. Um 13.30 soll die Abschlußkundgebung am Brandenburger Tor sein. Als Sprecher konnte der Sozialwissenschaftler Professor Manfred Kappeler gewonnen werden. Reden wird auch der Pressesprecher der „Freien Arbeitsgruppe JHH 2006“, Klaus Dickneite. Er wird, zusammen mit anderen behinderten Heimopfern, auf den Ausschluß Behinderter vom Runden Tisch hinweisen. „Ohne Veranlassung durch den Petitionsausschuß oder den Deutschen Bundestag hat die Tischvorsitzende Antje Vollmer eigenmächtig viele Opfergruppen ausgeschlossen“, stellt die Arbeitsgruppe fest; „mißhandelte Säuglinge und mißhandelte behinderte Schulkinder sollen dort kein Gehör finden.“ Gruppensprecher Helmut Jacob vermutet: „So genau will man das wahre Ausmaß der Verbrechen, zumal an den Hilflosesten der Gesellschaft, wohl doch nicht wissen.“ Jacob weiter: „Sonst wäre die Erschütterung und Empörung in der Gesellschaft sicher höher.“

 

Unvorstellbare Greuel hatten sich in den zwei Nachkriegsjahrzehnten im Johanna-Helenen-Heim der damaligen Orthopädischen Anstalten in Volmarstein bei Hagen abgespielt. Verbrechen, wie sie sich teils im Flyer widerspiegeln. „Allerdings demonstrieren wir nicht gegen die Rechtsnachfolger der Behinderteneinrichtung“, so Jacob, „mit ihr sind wir auf dem Weg zur Versöhnung, weil sie echte Wiedergutmachung an ihren Opfern leistet.“

 

Dickneite wird das skandalöse Verhalten der Kirchen, des Diakonischen Werks und der Caritas anprangern:

„Alles was bisher passierte, sagt uns deutlich:

Sie hoffen auf die biologische Lösung der Probleme.

Sie wollen sich vor Entscheidungen drücken.

Sie wollen keine Wiedergutmachung leisten.

Sie hoffen auf den Tod der Opfer.

Beenden Sie dieses zynische Spiel!

Leisten Sie Opferhilfe und Opferentschädigung!

Sofort!“

 

In der Kritik stehen auch die Landschaftsverbände Rheinland und Westfalen-Lippe. „Sie warten unbegreiflicherweise immer noch auf die Endergebnisse des Runden Tisches unter Vollmer, wohl wissend, daß der die Behinderten ausgesperrt hat“, resümiert Jacob, der auf der Opferseite www.gewalt-im-jhh.de das skandalöse Verhalten kirchlicher und staatlicher Institutionen dokumentiert. Die Arbeitsgruppe hat einen Antrag auf Einrichtung eines Runden Tisches in NRW beantragt. “Ausgerechnet im bevölkerungsreichsten Bundesland wurde dieser Antrag abgeschmettert“, so Jacob nach einem entsprechenden Brief des NRW-Familienministers Armin Laschet, „Krasser kann man seine Grundeinstellung gegen behinderte Heimopfer und Verbrechensopfer allgemein nicht zum Ausdruck bringen.“

 

Gemeinsam mit allen anderen Demonstranten fordert die behinderte Demogruppe die sofortige Gründung eines Opferfonds nach dem Modell des Theologen Dierk Schäfer, der seit vier Jahren die Interessen aller Heimopfer vertritt. In seinen „Verfahrensvorschläge[n] zum Umgang mit den derzeit diskutierten Vorkommnissen in Kinderheimen in der Nachkriegszeit in Deutschland“, die Schäfer auch vor dem Runden Tisch in Berlin vorgetragen hat, zeigt er Wege auf, wie auf die Verbrechen an Säuglingen, Kindern und Jugendlichen von kirchlichen und staatlichen Stellen reagiert werden muß. Damit gibt er die Forderungen der Opfer wieder.

 

Während der Demo in Berlin wird für einen guten Zweck gesammelt. Gegenüber dem damaligen Schreckenshaus Johanna-Helenen-Heim entsteht ein neues, modernes Kinderheim für behinderte Schüler. Die Evangelische Stiftung Volmarstein sammelt dafür und die „Freie Arbeitsgruppe JHH 2006“ unterstützt das Vorhaben mit ihrer „Aktion KK“ (für ein kuscheliges Kinderheim).

Dafür macht die Arbeitsgruppe auf ihrer Seite Werbung:

„Wie spartanisch mußten wir damals leben!“, blickt Marianne Behrs, Namensgeberin für das neue Kinderheim mit 24 Plätzen, zurück, „wenn das Geld gesammelt wird, um den Kindern eine schöne Atmosphäre zu schaffen, ist es sinnvoll investiert.“ Behrs, damals selbst ein besonders schlimm mißhandeltes Schulkind weiter: „Mein Anliegen ist es auch, daß man von einem Teil des Geldes den Kindern kuschelige Teddybären kauft, damit sie etwas zum Liebhaben bekommen,“ sie fügt hinzu: „etwas zum Knuddeln hat uns Kindern damals gefehlt.“

Auf dem Flyer und während der Demonstration wird für dieses Kinderheim gesammelt. „Sie sollen es besser haben, als wir damals“, so die Meinung der Initiatoren der Spendensammlung.

Helmut Jacob

9. April 2010

 

http://www.diakonie-forum.de/themen-und-arbeitsfelder-der-diakonie/heimkinder/p11963-demo-in-berlin/#post11963

http://www.diakonie-forum.de/themen-und-arbeitsfelder-der-diakonie/heimkinder/p12174-demo-in-berlin/#post12174

http://dierkschaefer.files.wordpress.com/2010/04/flyer-endgultige-fassung.pdf

http://veh-ev.info/

http://www.jetzt-reden-wir.org/

http://www.gewalt-im-jhh.de/Aktion_KK_-_Kuscheliges_Kinder/aktion_kk_-_kuscheliges_kinder.html

http://www.gewalt-im-jhh.de/Aktuelles_2_-_Demo_der_Heimopf/aktuelles_2_-_demo_der_heimopf.html

http://www.gewalt-im-jhh.de/verfahrensvorschlage-rt2.pdf

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Published by Helmut Jacob
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