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22. Oktober 2011 6 22 /10 /Oktober /2011 13:05

Dierk Schaefers Blog

Veröffentlicht in heimkinder, Kirche, Pädagogik, Politik, Theologie von dierkschaefer am 22. Oktober 2011

»Konfessionelle Heimerziehung erforscht«

Jetzt wissen wir zwar nicht alles, denn »weitere Aufarbeitung tut Not«. Doch es lohnt sich, einen kritischen Blick auf die Zusammenfassung der Studie zu werfen.

Der Begriff Pionierarbeit ist dem Marketing-Konzept der Universität geschuldet. Pionierarbeiten sind die bereits vorliegenden Berichte über einzelne Heime, denen diese Forschungsarbeit – soweit bisher erkennbar – nichts Neues hinzufügt. Selbst der Runde Tisch hat Vergleichbares erarbeitet.

Was ist interessant am Bericht?

Er widmet den weltanschaulichen, religiösen und konfessionellen Aspekten besondere Aufmerksamkeit und erklärt ansatzweise, wie die pädagogischen Vorstellungen der Organisationen und einzelner Erzieher durch diesen Hintergrund geprägt waren. Aber eine ernsthafte auch theologisch reflektierte Auseinandersetzung ist der Langfassung der Zusammenfassung der Studie nicht zu entnehmen. Es war halt so, daß »katholischerseits die klösterliche Prägung des Ordenspersonals eine wichtige Rolle« spielte und es »bei seinen Erziehungsbemühungen sowohl das eigene als auch das Seelenheil der ihnen anvertrauten Kinder und Jugendlichen im Blick haben sollte« und nicht wenige »Erzieher … das vermeintlich „Böse“ der Minderjährigen hervorhoben und zu „bekämpfen“ versuchten«. Und daß »in der evangelischen Heimerziehung in den 1950er Jahren das „Spannungsfeld von Strenge und Vergebung“ als kennzeichnend galt«. »Nicht selten wurde eine Drohkulisse durch einen alles sehenden und strafenden Gott aufgebaut, erhielten Aspekte wie Sünde, Schuld und Sühne wichtige Bedeutung – so galten uneheliche Kinder in den Augen mancher Erzieher als „Kinder der Sünde“«.

Doch die Studie belegt auch die»Verbindung zwischen den zuständigen staatlichen Stellen und den konfessionellen Trägern und ihren Fachverbänden …. Beide Seiten profitierten von diesem Arrangement, indem einerseits Einrichtungen mit der notwendigen Platzzahl und vergleichsweise kostengünstigen Heimplätzen vorhanden waren, andererseits die kirchlichen Einrichtungen relativ unabhängig agieren konnten«. Das auch anderswo konstatierte Streben der kirchlichen Einrichtungen nach Unabhängigkeit hätte sicher eine genauere Betrachtung und Bewertung verdient. Denn, wer unabhängig agieren will, ist für sein Tun auch ganz unabhängig und allein verantwortlich!

Soweit wollten die Verfasser offensichtlich nicht gehen. Jedenfalls: Trotz der Nennung der Mißstände relativieren sie in sattsam bekannter Weise: Der Personalmangel, die mangelhafte Qualifizierung des Personals, der Finanzmangel und die Konkurrenzverhältnisse unter den Heimen, die beengten Verhältnisse, »die überlieferten Gehorsamsvorstellungen und zu vermittelnden Tugenden wie Ordnung, Sauberkeit, Reinheit und sexuelle Enthaltsamkeit«.

Immerhin: »Insgesamt zeigt sich, dass äußere Bedingungen, die herrschenden Erziehungsstile sowie immer wieder auch das persönliche Verhalten von einzelnen Mitarbeitenden zu traumatisierenden Erfahrungen vielerHeimkinder beigetragen haben, an denen sie bis heute leiden. Auf der anderen Seite blicken einzelne Heimkinder dankbar auf die Unterstützung in verschiedenen Einrichtungen und speziell auf einzelnehoch engagierte Mitarbeitende zurück, durch deren Hilfen ihnen eine selbstbestimmte Lebensführung überhaupt erst eröffnet worden ist«. [Alle Hervorhebungen: Dierk Schäfer]. Doch diese versteckte Quantifizierung wird sofort wieder umgekehrt, wenn es heißt: »Es hat in kirchlichen Heimen ein überdurchschnittliches Maß an Engagement der Mitarbeitenden wie auch Fälle eklatanten Versagens und großer individueller Schuld gegeben«.

Fast mutig scheint der Satz: »Unabhängig davon besteht eine kirchliche Gesamtverantwortung für ihre diakonischen und caritativen Einrichtungen: Die Leitungen der jeweiligen Heime wie auch die kirchlichen Aufsichtsorgane haben die oft problematischen Zustände gekannt oder hätten sie zumindest genau kennen können. Sie drängten zu wenig auf allgemeine Verbesserungen der Heimerziehung, agierten zugleich gegenüber den staatlichen Aufsichtsgremien vielfach abweisend oder zumindest sehr zurückhaltend. Diese Praxis lässt sich zwar nicht unbedingt als aktives Fehlverhalten kennzeichnen, dürfte aber doch durch passives Zulassen problematischer Umstände oftmals traumatisierende Erlebnisse vieler Heimkinder zumindest mit bedingt haben«.

Doch weiter heißt es:»Allerdings wäre es ein Fehlschluss, die Gesamtverantwortung für viele Missstände in der Heimerziehung ausschließlich bei den kirchlichen Leitungsebenen zu sehen. Die Komplexität der damaligen Verhältnisse beruhte eben auch auf dem Umstand, dass niemals nur kirchliche Träger oder nur staatliche Instanzen allein für das Wohl der Kinder und Jugendlichen verantwortlich waren, sondern immer beide – was sich aber paradoxer Weise oft nicht zu deren Vorteil auswirkte*. Auch kirchliche Träger haben durchweg nur das damals geltende Jugendrecht, richterliche Entscheidungen und Entscheidungen der Jugendbehörden umgesetzt und in ihrem Bereich versucht, auf dieser Rechtsgrundlage eine Erziehung und Entwicklung der Kinder und Jugendlichen zu ermöglichen«.

Der Eiertanz wird fortgesetzt: »Dabei haben sie jedoch vielfach äußerst problematische Bedingungen akzeptiert und auch in ihren Einrichtungen in der Regel zu wenig für eine angemessene Förderung der anvertrauten Schutzbefohlenen unternommen«.

Richtig! Aber: »Die politische Letztverantwortung für die Missstände der Heimerziehung lag allerdings immer bei den politischen Entscheidungsträgern jener Zeit in den jeweiligen Bundesländern. Dafür spricht auch, dass auf Grund der Ergebnisse der Forschungsarbeiten – mit Ausnahme der religiösen Erziehung – keine signifikanten Unterschiede zwischen kirchlichen Heimen, Heimen in der Trägerschaft anderer Wohlfahrtsverbände oder öffentlichen Heimen aufgewiesen werden konnten. Insofern spiegeln die kirchlichen Heime weithin das Maß der seinerzeit geltenden Normalität wider …«, (nächster Schritt im Eiertanz):» … was allerdings den kirchlichen Selbstanspruch deutlich unterschreitet«.

Die Verfasser hatten entweder zwei Seelen in ihrer Brust – oder aber einen geheimen Mitautor.

Zentral ist für mich ein Befund der Autoren: »Wie in den Interviews zum Ausdruck kam, spielte für das eigene Erleben des Heimalltags außerdem die Fähigkeit der Mädchen und Jungen eine große Rolle, sich den gegebenen Verhältnissen anpassen zu können«. Genau das haben die kirchlichen Heimträger gekonnt. Sie haben sich den gegebenen Verhältnissen angepaßt und für sich das Beste daraus gemacht, das Beste zu ihrem Seelenheil und auch nicht zuletzt dem finanziellen. Sie setzten damit fort, was die Kirchen weitestgehend auch im Dritten Reich praktizierten: Kein Widerstand, sondern sich anpassen. Ihr seid das Salz der Erde! Pustekuchen: Wir wären gut, anstatt so roh, doch die Verhältnisse, die sind nicht so. Widerstand im Einsatz für Bedrängte und Schutzbefohlene kam fast nur von Einzelnen, die dann als Märtyrer ihres Glaubens so hoch gehoben werden, daß man bequem drunter durchschlüpfen kann.

Die Pionierarbeit? Nichts wirklich Neues – und immer noch nichts, was die Kirchen wirklich zur tieferen Erkenntnis ihres Versagens nötigen könnte.

* »Die Komplexität der damaligen Verhältnisse beruhte eben auch auf dem Umstand, dass niemals nur kirchliche Träger oder nur staatliche Instanzen allein für das Wohl der Kinder und Jugendlichen verantwortlich waren, sondern immer beide – was sich aber paradoxer Weise oft nicht zu deren Vorteil auswirkte«.

Dieser Satz verdient einen zusätzlichen Kommentar: Das ist alles andere als paradox. Wir wissen doch: Viele Köche verderben den Brei. (Außerdem naschen sie alle, bis fast nichts mehr für die Gäste übrig bleibt.) In Kinder- und Jugendlichen-Angelegenheiten ist es leider noch heute so. Ich kenne keinen anderen Politikbereich, in dem die Zuständigkeiten und administrativen Regelungen dermaßen verteilt und unterschiedlich sind, daß die Verantwortlichkeit von Ämtern und Einzelpersonen gerichtsfest wäre, – von spektakulären Einzelfällen einmal abgesehen.

Mein Kommentar: Die Überschrift zu der "Pionierarbeit" auf der HP der RUB sagt alles: "

Mangel, Überforderung und harte Strafen

Die Strafen stehen an dritter Stelle.

Meine Empfehlung: Ab in die Rundablage.

Die Ruhr-Universität Bochum preist diese Studie als "Pionierarbeit an der RUB" an. Sie schreibt auf ihrer Homepage weiter: "Mit ihrer Studie leisten die Forscher Pionierarbeit in Deutschland. Historische,". Dazu muss angemerkt werden: Diese Studie mag eine Pionierarbeit für die RUB darstellen. Allerdings sind es andere Menschen, die tatsächlich Pionierarbeit in Sachen Aufarbeitung der Verbrechen an Heimkindern geleistet haben. Dies sind Dr. Ulrike Winkler und Prof. Dr. Hans-Walter Schmuhl, mit ihren drei Büchern "Endstation Freistatt" (http://helmutjacob.over-blog.de/pages/Buchempfehlung_Endstation_Freistatt-1328320.html), "Gewalt in der Körperbehindertenhilfe" (http://gewalt-im-jhh.de/Gewalt_in_der_Korperbehinderte/gewalt_in_der_korperbehinderte.html) und "Als wären wir zur Strafe hier" (http://www.readers-edition.de/2011/07/04/als-waeren-wir-zur-strafe-hier-buch-ueber-gewalt-in-einem-behindertenheim).

Pionierarbeit schon Jahre zuvor hat auch Prof. Manfred Kappeler mit seinen zahlreichen Veröffentlichungen geleistet. Dieser Begriff trifft also für die Arbeit der Herren Damberg und Jähnichen überhaupt nicht zu.

 

2. November 2011:

Ich muss noch etwas nachlegen, weil nach dem Überfliegen des Pressematerials der Universität Bochum in einer genaueren Durchsicht die Bemühungen der Reinwaschungen der Verbrechen krass auffallen.

Zunächst habe auch ich das Gefühl, dass die Co-Autoren Prof. Hans-Walter Schmuhl und Dr. Ulrike Winkler sind. Zu viele Fakten aus ihrem Buch finde ich in dieser Pressemitteilung wieder. Aber ich kann mich auch irren.

Die meisten Fakten in dieser Pressemitteilung sind sattsam bekannt und können aus diesem Grunde als „kalter Kaffee“ bezeichnet werden. Jetzt aber zu den Versuchen einiger Weisswaschgänge:

Pressemitteilung: „Dennoch empfanden viele in den Heimen untergebrachte Minderjährige die religiöse Erziehung als Zwang. Der von ihnen empfundene Gegensatz zwischen dem Anspruch und dem realen Verhalten der aus den christlichen Personalgenossenschaften stammenden Erzieher wurde von etlichen ehemaligen Heimkindern als entscheidendes Moment angegeben, sich später von der Kirche distanziert zu haben.“

Wenn Kinder und Jugendliche den Dorfbewohnern vorgeführt, sie in die Kirchen hineingeprügelt wurden, kann man nicht die Abneigung gegen die Kirchen als Empfindung wiedergeben. Diese Zwangskirchgänger haben die religiöse Erziehung nicht als Zwang empfunden, sondern als Zwang erlebt. Sie haben sich nicht von der Kirche getrennt, weil sie Gegensätze „zwischen dem Anspruch und dem realen Verhalten der ... Erzieher“ erkannten, sondern schlichtweg darum, weil sie zur Teilnahme an religiösen Handlungen und Veranstaltungen unter Androhung und Durchführung von Strafen gezwungen wurden.

Zur Zwangsarbeit wird beschönigend ausgeführt: „Außerdem galt auch in Heimen in konfessioneller Trägerschaft Arbeit sowohl als wesentliches Erziehungsziel wie auch als Erziehungsmittel, sodass die schulische Förderung der Jugendlichen in den Hintergrund trat.“

Wenn diese Zwangsarbeit ein wesentliches Erziehungsziel war, ist nicht nachvollziehbar, warum die „schulische Förderung der Jugendlichen in den Hintergrund trat“. Ein „Erziehungsziel“ ist schließlich auch ein Ziel schulischer Bildung. Es kommt noch dicker: „Deshalb war die Mitarbeit der Heimbewohner in der Haus- und Landwirtschaft der Einrichtungen die Regel. Sie besaß oftmals eine große Bedeutung für die Eigenversorgung der Heime, sollte letztlich jedoch die Minderjährigen zu Ordnung, Pünktlichkeit, Rücksichtnahme, Verantwortungsbereitschaft und Selbstständigkeit erziehen.“

Einerseits weist der Autor der Pressemitteilung darauf hin, dass die „Mitarbeit der Heimbewohner in der Haus- und Landwirtschaft der Einrichtungen die Regel“ war, sie „oftmals eine große Bedeutung für die Eigenversorgungen der Heime“ darstellte, um gleich danach zu betonen, dass diese Hausarbeit „letztlich“ nur Erziehungszielen diente. Hätte er bei Schmuhl intensiver gelesen, wäre ihm aufgefallen, dass ohne diese Zwangsarbeit der Heimablauf in den meisten Einrichtungen nicht funktioniert hätte. Die Pressemitteilung gibt es ja auch her, dass Personalnot herrschte. Warum also dieser Eiertanz um die Tatsache, dass Zwangsarbeit geschehen musste, um den Betrieb am Laufen zu halten?

Fast eine Nebensächlichkeit in der Pressemitteilung: „Die Verbindung von Personal-

mangel und psychiatrischen Erklärungen für Erziehungsschwierigkeiten ergaben eine problema-

tische Gesamtlage, die in zwei nachgewiesenen Fällen evangelischer Einrichtungen zur Verabrei-

chung von Medikamenten führten,“

Es mag sein, dass die Autoren Jähnichen und Damberger lediglich zwei belegbare Zwangsmedikationen fanden. Allerdings hätte eine Internetrecherche ergeben, dass Heimopfer immer wieder und unabhängig voneinander von Verabreichungen von Psychopharmaka berichten. Dabei kann nicht unterstellt werden, dass alle Berichterstatter lügen. Es ist unzweifelhaft, dass die Verabreichung solcher Mittel dazu diente, den Heimablauf zu gewährleisten, Störenfriede stillzustellen.

Allein diese neun Seiten Pressematerial lassen befürchten, dass das Buch in der Reihe der „Gefälligkeitsgutachten“ für die Kirchen einzuordnen ist. Dieses Pressematerial sagt eins ganz klar: Kauf lohnt nicht.

 

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Published by Helmut Jacob
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