Overblog Folge diesem Blog
Edit post Administration Create my blog
24. September 2012 1 24 /09 /September /2012 23:15

Bischofskonferenz sanktioniert Kirchenaustritte

Kein Glaube ohne Kirchensteuer

... Wer austreten will, soll demnächst persönlich mit dem Pfarrer reden.

... Mit dem am Donnerstag in Bonn veröffentlichten Beschluss, der am 24. September in Kraft treten soll, will die Bischofskonferenz künftig aktiv gegen Kirchenaustritte vorgehen. Auch der förmliche, zivile Kirchenaustritt sei eine "schwere Verfehlung gegenüber der kirchlichen Gemeinschaft", erklärte die Bischofskonferenz. (1)

Zu  den Sanktionen konkret:

"Wer austritt, darf weder beichten noch die Kommunion empfangen, die Firmung oder die Krankensalbung ("außer in Todesgefahr"), darf keine kirchlichen Ämter und Funktionen übernehmen, nicht Tauf- und Firmpate sein. Für eine kirchliche Hochzeit braucht er die Erlaubnis des Bischofs und muss versprechen, mögliche Kinder katholisch zu erziehen. Und falls er nicht "vor dem Tod irgendein Zeichen der Reue gezeigt" hat, kann ihm das kirchliche Begräbnis verweigert werden." (1b)

 

Meine Meinung: 

Es geht mir nicht um die Klage des pensionierten Kirchenrechtlers Hartmut Zapp, der keine Kirchensteuer mehr zahlen möchte und dessen Klage am Mittwoch vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig verhandelt wird. (1b)

Die theologische Frage, ob nur der glaubt oder glauben darf, der Kirchensteuern zahlt, lasse ich darum jetzt mal außen vor. 

Mein Freund Erwin meinte heute morgen per Email: "Der Kirche geht ganz schön der Arsch auf Grundeis." Zugegeben, Erwin pflegt eine eher ungebildete Umgangssprache. Aber sicher gibt er wieder, was zunehmend mehr ins Bewusstsein gerät. Den Kirchen geht es schlecht. Der katholischen ganz besonders. Zuviel Dreck hat sich vor ihren Türen aufgetürmt. Da sind die Misshandlungen unter kirchlich geführten Heimdächern, Vergewaltigungen in katholischen Internaten, etc. Wer den Begriff "Kirche" mit "Verbrechen" in die Suchmaschinen im Internet eingibt, erzielt 2.720.000 Treffer. Gleich an erster Stelle findet sich die Homepage "Die Verbrechen der Kirche", die Erkenntnisse aus vielen Jahrhunderten dokumentiert. (2) Es folgen Begriffe wie "Skandale, Vergehen, Terror, Verbrecherorganisation" und und und. Der Ruf ist hin! (3)

Darum wundert es nicht, dass "etwa 180.000 Katholiken ...  2010 nach Recherchen der Zeit-Beilage "Christ & Welt" ihre Kirche verlassen [haben]." Weiter heißt es: "Das sind etwa 50.000 Austritte mehr als im Jahr 2009. " (4) Laut einer Erhebung des Heidelberger Sinus-Instituts droht nach Angaben von Focus Online den Kirchen eine Katastrophe, nämlich "eine Austrittswelle. Rund eine Million Menschen sind einer Umfrage zufolge entschlossen, aus ihrer Religionsgemeinschaft auszutreten. Die Zahl derjenigen, die noch über einen Austritt nachdenken, ist noch höher....".(5)

Jetzt glauben manche Zeitgenossen nur den Umfragen, die sie selbst gefälscht haben, aber im Kern ist die Sache für die Kirchen kritisch, sie werden out. Und das selbst verschuldet.

Ihre Verteidigungsstrategie ist auch eine, von Dummheit gekennzeichnete Katastrophe. "Auch der förmliche, zivile Kirchenaustritt sei eine 'schwere Verfehlung gegenüber der kirchlichen Gemeinschaft', erklärte die Bischofskonferenz", so in "Süddeutsche.de". (6) 

Damit drückt sie aus, dass der Austrittswillige oder bereits Ausgetretene sich gegen die Gemeinschaft schuldig gemacht und damit die Ablehnung der Gemeinschaft verdient hat. Sie fordert praktisch durch die Hintertür auf: Guckt diese Abtrünnigen (und jetzt zitiere ich Erwin sinngemäß) "mit dem Hintern nicht mehr an". Anders ausgedrückt: Zeigt ihnen die "Rote Karte". Das ist Sektenmanier. Diese Formulierung kann nur in schierer Verzweiflung entstanden sein. Die Bischofkonferenz sattelt noch drauf: "Wer vor der zuständigen zivilen Behörde aus welchen Gründen auch immer seinen Kirchenaustritt erklärt, verstößt damit gegen die Pflicht, die Gemeinschaft mit der Kirche zu wahren ..., und gegen die Pflicht, seinen finanziellen Beitrag dazu zu leisten, dass die Kirche ihre Aufgaben erfüllen kann", ...

Damit macht sie die Austrittswilligen und bereits Ausgetretenen nicht nur zum Buhmann für ihre finanzielle Krise aufgrund sinkender Beitragszahlungen, sondern steckt sie in die Zwangsjacke der angeblich immer gegebenen Pflicht der Gemeinschaft mit der Kirche. Anders gedeutet: Diese Aussteiger haben sich (siehe oben) an der Gemeinschaft schuldig gemacht; man muss Verständnis dafür haben, dass diese Gemeinschaft sie dafür mobbt. Die Kirchengemeinden und ihre Mitglieder dürfen durch die Hintertür die Abtrünnigen durch Missachtung oder andere feindseligen Maßnahmen bestrafen. Die Bischofskonferenz kehrt sich einen Dreck darum, was wohl das Evangelium zu solchen Manipulationen Gläubiger schreibt und wie ihr Lehrmeister darauf reagiert hätte.

 

Was ist zu tun, damit sie wieder Vertrauen gewinnt?

1. Beendigung von Verschleierungsversuchen, Bekenntnis zu den bisherigen Verbrechen

Es muss Schluß sein mit den verschiedensten Verschleierungsmaßnahmen, mit Umbesetzungen von Priestern, die zu Verbrechern wurden, mit der Verniedlichung der Taten. Die Täter sollten bestraft werden und ihnen dort, wo die Verjährung bereits eingetreten ist, von den Institutionen, hier insbesondere den Kirchen, unmissverständlich klargemacht werden, dass sie jedes Recht auf Mitleid und Solidarität verspielt haben. Die Kirchen und ihre Unterorganisationen sollen die Verbrechen beim Namen nennen und als solche katalogisieren und dokumentieren.

2. Bitte um Vergebung

Eine öffentliche BItte um Vergebung reicht längst nicht. Schließlich sind die Verbrechen tausendmal und in allen Facetten geschehen. Schließlich und besonders haben die Verantwortlichen Kinderseelen und Biographien zerstört. Die BItte um Vergebung muss aufrichtig sein. Der Kniefall des Bischofs Bode in Richtung Altar und die Bitte an Gott um Vergebung kam bei den Opfern nicht an und wurde stellenweise als Lachnummer bezeichnet. Diese Kniefälle haben in allen Kirchen vor geladenen Opfern stattzufinden. Aber auch dann erst sind die damit verbundenen Bitten um Vergebung aufrichtig, wenn umgehende finanzielle Entschädigung erfolgt. 

Der pensionierte Pfarrer Dierk Schäfer aus Bad Boll rief 2009 die Kirchen zur öffentlichen Buße auf. (7,8) Ein Jahr später betonte Schäfer in einem Interview, dass sein Bußaufruf immer noch Gültigkeit habe. (9)  Die Kirchen zeigten keine Reaktion. Es hätte sie ein Stück weit rehabilitiert, wenn sie gehandelt hätten. Denn solche Bußaufrufe verschwinden so schnell nicht aus dem Internet; ebensowenig wie die dokumentierten Verbrechen unter kirchlichen Dächern. Die Zeit, in der die Zeitungen von gestern, bereits alte Nachrichtenblätter waren, sind vorbei. Die Kirchen bekommen die Anklagen täglich neu ins Oblatenschälchen gekippt. Und damit gerät ihr Versagen nicht in der Erinnerungsversenkung.

3. Bezahlung von Schadensersatz und Schmerzensgeld

Der "Runde Tisch Heimerziehung" war eine Farce, der zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs ein erster guter Ansatz. Das Mitwirken der Kirchen und ihrer caritativen Einrichtungen diente nach Emfpinden vieler Beobachter der Schadensbegrenzung und Verhinderung überzeugender Wiedergutmachungsleistungen. Im Zuge des Runden Tisches Bergmann hat der "Runde Tisch Heimerziehung" seine Almosen von 5.000 auf 10.000 erhöht, was allerdings der lauten Kritik der Öffentlichkeit und der Angst, auf dem Opferfonds sitzenzubleiben, geschuldet ist.

Schmerzensgeld für die Heimkinder muss die Tätervertreter schmerzen. Ihre Institutionen sollen damit nicht in den Ruin getrieben werden, weil manche ihrer Aufgaben auch sinnvoll ist. Aber sie müssen ein erheblich größeren Anteil an den Wiedergutmachungsleistungen aufbringen, als diese lächerlichen 30 % von 100.000 Euro. Die Verweigerung akzeptabler Entschädigungsleistungen wird von der Bevölkerung und erst recht von den Opfern als Skandal bezeichnet. Sie schadet den Kirchen. Die Kirchen und die staatlichen Stellen sollten gemeinsam die Wünsche der Opfer nach einer Opferrente von 300 Euro bis zum Lebensende oder einer Einmalzahlung von 54.000 Euro umsetzen. Diese Forderungen sind moderat: nach meinem Emfpinden viel zu moderat.

4. Neubeginn

Die Kirchen sollten wieder da anfangen, wo sie begannen: in Sandalen und mit Besuchen von Haus zu Haus.Oder wie es die Gruppe BAP in anderem Zusammenhang ausdrückt: "Arsch huh, Zäng ussenander!!" (10) All dieser Prunk, die Show, das Gehabe passen nicht zu ihr, in einer Zeit, wo die Mehrheit der Bevölkerung in immer bescheideneren Verhältnissen leben muss. Staatskarossen für Bischöfe, Ölgemäldesammlungen (nicht nur in der Wohnung von Mixa), Weinlager und all die äußeren Erscheinungsmerkmale, die die Kleriker von ihren gläubigen und ungläubigen Mitmenschen unterscheiden, müssen der Vergangenheit angehören. Die Kirchen sollten Bescheidenheit und Demut vor ihren Steuerzahlern ausstrahlen. Es muss wieder überall möglich sein, dass die Pfarrer an Sterbebetten treten, sie Hausbesuche durchführen und sie nicht nur über Sprechstundenzeiten ansprechbar sind. Wenn man schon nicht verlangen kann: Ein Pfarrer ist immer im Dienst, dann aber doch: Ein Pfarrer ist immer im Dienst. Und vor allem müssen die Kirchen radikal zukünftige Verbrechen verhindern und die Täter schonungslos verfolgen.

Zur Zeit knirscht es mächtig im Gebälk der Kirchen. Sie drohen einzustürzen; selbstverschuldet. Aber wie sagte der Kirchenkritiker Karlheinz Deschner zutreffend? "Je größer der Dachschaden, desto schöner der Aufblick zum Himmel." (11)


(1) http://www.sueddeutsche.de/politik/bischofskonferenz-sanktioniert-kirchenaustritte-kein-glaube-ohne-kirchensteuer-1.1473380

(1b) http://www.sueddeutsche.de/politik/neuregelung-in-der-katholischen-kirche-exkommunikation-light-1.1474291

(2) http://www.verbrechenderkirche.de/

(3) http://www.google.com/search?q=kirche+verbrechen+&ie=utf-8&oe=utf-8&aq=t

(4) http://www.sueddeutsche.de/politik/katholische-kirche-in-der-krise-zahl-der-kirchenaustritte-steigt-um-prozent-1.1081955

(5) http://www.focus.de/politik/deutschland/umfrage-vor-weihnachten-millionen-kirchenmitglieder-liebaeugeln-mit-austritt_aid_696279.html

(6) http://www.sueddeutsche.de/politik/bischofskonferenz-sanktioniert-kirchenaustritte-kein-glaube-ohne-kirchensteuer-1.1473380

(7) http://gewalt-im-jhh.de/Bussaufruf_Dierk_Schafer/bussaufruf_dierk_schafer.html     

(8) http://www.petitiononline.com/heimkids/petition.html

(9) http://www.readers-edition.de/2010/11/07/der-bussaufruf-von-dierk-schaefer-ein-interview/

(10) http://www.bap-fan.de/arschhuhzaengussenander.html

(11) http://de.wikiquote.org/wiki/Diskussion:Karlheinz_Deschner

Diesen Post teilen

Repost 0
Published by Helmut Jacob
Kommentiere diesen Post

Kommentare