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12. Mai 2013 7 12 /05 /Mai /2013 23:49

Das St.-Florian-Prinzip: „... verschon' mein Haus, zünd' andre an“

In einer „Aktuelle[n] Meldung“ verweist das Franz Sales Haus – eine Einrichtung für behinderte Menschen in Essen – auf erste Erfolge in dem Bemühen, für seine Heimopfer aus dem Opferfonds des Bundes, der Länder und der beiden Kirchen, Leistungen zu bekommen. (1) 

Dazu in der Meldung: „Große Hoffnungen auf eine baldige Gleichbehandlung aller Heimkinder haben wir, seitdem wir Mitte April 2013 ein Schreiben von Frau Bundesarbeitsministerin Dr. von der Leyen erhalten haben. Sie teilte uns darin mit, dass sie die beiden Publikationen zur Aufarbeitung des Franz Sales Hauses gelesen habe und sich die Inhalte mit einer kürzlich durch ihr Ministerium in Auftrag gegebenen Expertise decken. Danach seien die Zustände in den Heimen der Jugend- und der Behindertenhilfe der damaligen Zeit vergleichbar gewesen, was dafür spreche, alle ehemaligen Heimkinder zum Ausgleich für das erlittene Leid und Unrecht gleich zu behandeln. Weiterhin teilte Frau Dr. von der Leyen uns mit, dass sie mit uns der Auffassung sei, dass für die sogenannten behinderten Heimkinder eine Lösung gefunden werden müsse, die ihnen dieselben Leistungen wie Kindern und Jugendlichen aus Heimen der Jugendhilfe bietet. Sie sei zuversichtlich, dass sie nun zügig zu einer Lösung kommen würden.“

Die Bemühungen, für ihre behinderten Opfer Leistungen aus dem Opferfonds zu ermöglichen, sind auch in anderen Behinderteneinrichtungen zu beobachten. Unter dem Thema „Eingelullt und abgehakt: Wie Tätervertreter ihre Heimopfer abservieren wollen“ wurden im dritten Teil

„Abgewimmelt: Der Verweis auf den Runden Tisch Heimerziehung“ diese Bemühungen ausführlich dargestellt. (2)

Zunehmend mehr finden sie auch Belege dafür, daß die Heime für behinderte Kinder auch als solche mit Erziehungsanspruch geführt wurden. Dazu die Evangelische Stiftung Volmarstein: „So findet sich die Evangelische Stiftung Volmarstein im ‚Verzeichnis Evangelischer Erziehungsheime’, Sonderheft Ausgabe September 1953, herausgegeben vom Evangelischen Reichs-Erziehungs-Verband e.V., unter Nummer 63 und im ‚Verzeichnis der Erziehungsheime und Sondereinrichtungen für Minderjährige in der Bundesrepublik Deutschland und in Berlin’ unter Nummer 763. Somit war die Evangelische Stiftung Volmarstein sowohl anerkannter Teil der Erziehungshilfe wie auch Teil der Behindertenhilfe.“ (3)

In einer konzertierten Aktion unter Federführung des Diakonischen Werkes der Evangelischen Kirche Deutschland scheinen alle Einrichtungen, in denen in den Nachkriegsjahrzehnten behinderte Kinder und Jugendliche Opfer von Verbrechen wurden, diese Strategie anzuwenden. Dies wird aus einem Schreiben der Leitung der Evangelischen Stiftung Volmarstein deutlich: „Die Evangelische Stiftung Volmarstein ist - wie wir jetzt durch recherchierte Archivunterlagen des Diakonischen Werkes der EKD wissen - in der damaligen Zeit (1950er/60er Jahre) auch Mitglied im damaligen Verband der Erziehungshilfe gewesen und somit als Teil der Erziehungshilfe in Deutschland anerkannt gewesen.“ (4)

Runder Tisch 210409-Absage behinderter Opfergruppen

Behinderte Heimopfer am Runden Tisch abgewimmelt (6)

Nachgedacht

Warum diese Regsamkeit des Diakonischen Werkes Deutschland und seiner angeschlossenen evangelischen Behindertenheime?

Inzwischen ist es nicht mehr zu leugnen. Es hat massivste physische, psychische und sexuelle Gewalt, zahlreiche Verbrechen an den Hilflosesten der Gesellschaft stattgefunden, nämlich an körperlich und/oder geistig behinderten Menschen. Schlimmer noch: sogar behinderte Klein- und Schulkinder mussten grausamste Quälereien erdulden. Sie konnten sich nicht wehren. Die betreffenden Anstalten haben ein Schlachtfeld hinterlassen, das noch im hohen Alter der betroffenen Opfer seine Auswirkung zeigt. Viele behinderte Menschen, die in diese Anstalten eingewiesen wurden, kamen noch schlimmer wieder heraus. Immer mehr dokumentieren sich bleibende Schäden aus falscher medizinischer Behandlung. Für manche Kinder war die psychische Belastung so groß, daß sie stumm oder sprachbehindert wurden. Einigen Kindern wurde zusätzlich das Trommelfell zertrümmert, so daß sie neben der erworbenen Sprachbehinderung unter einem Hörschaden leiden. Andere konnten ihr Leben nie ordnen und waren zeitlebens auf Sozialhilfe angewiesen.

Hier, in solchen Fällen, reagiert die Öffentlichkeit und insbesondere der „Stammtisch“ sehr empfindlich. Nach der Veröffentlichung der Gewalt in den Erziehungsheimen las man im Internet noch Kommentare wie: Wer da reinkam, hatte es auch verdient; die hätten noch stärker verprügelt werden müssen, so wie sich die Jugendlichen manchmal benehmen. Es wurde wenig hinterfragt, auf welchen Wegen die jungen Männer und Frauen in diese sogenannten Erziehungsheime kamen. Erst in den letzten Jahren wandelte sich diese Sichtweise der pauschalen Verallgemeinerung, verbunden mit Vorurteilen, hin zur kritischen Hinterfragung der damaligen Situation.

Als die ersten Berichte über Gewalttaten an behinderten Kindern an die Öffentlichkeit kamen, war „Schluß mit Lustig“. Diese Verbrechen wiegen in der Öffentlichkeit darum anders, weil hier kleine, hilflose Wesen mißhandelt wurden, die durch ihre Behinderung eh schon „vom Schicksal gebeutelt“ sind.

So ist die Öffentlichkeit empört, daß die Politik, die Kirchen und die Heime diese Opfer im Regen stehen lassen. Das ruiniert auf Dauer beispielsweise den Ruf einer Behinderteneinrichtung. Eine Lösung mußte her, nachdem die blödsinnigen Ausreden von Einzelfällen nicht mehr geglaubt wurden. Die Einrichtungen müssen aktiv werden. Auch wurden sie immer wieder darauf hingewiesen, daß sie gefälligst ihrer Verantwortung nachzukommen und ihre Opfer wirklich entschädigen zu haben. Zuletzt hat der evangelische Pfarrer i. R. Dierk Schäfer aus Bad Boll seinen Kollegen in der Evangelischen Stiftung Volmarstein ins Gebet genommen: „Die Ausrede, wir haben schon gezahlt, zieht nicht mehr. Volmarstein, wo bleibt dein Beitrag für deine Opfer? Fremdzahlen gilt nicht.“ (5)

Allerdings wollen diese Einrichtungen ihr eigenes Portemonnaie schonen. Also verfahren sie nach dem St.-Florian-Prinzip: „Heiliger Sankt Florian, verschon' mein Haus, zünd' andre an!“ Soll doch die Gesellschaft richten, was wir verbrochen haben.

So einfach kann man es sich machen und ich staune, weshalb die ach so frommen Anstaltsleitungen ihr schändliches Verhalten nicht hinterfragen: Verletze ich mit dieser Abschiebung, weg von unserem Schreibtisch, hin zu irgend einem Bundesministerium, nicht noch einmal die Würde und das Empfinden derer, die unsere Vorgänger vor 50 bis 70 Jahren zusammentreten und schänden ließen? Merken sie, die Opfer, wirklich nicht, dass wir als Verantwortliche in der Rechtsnachfolge nur die billigste Lösung suchen, und mit Verweis auf den Opferfonds Forderungen nach Opferrente und Sicherung des Lebensendes außerhalb einer Einrichtung abwimmeln wollen?

Und nicht zuletzt: Merken die Anstaltsleiter nicht, daß sie mit diesem Verschiebebahnhof ihr Entschuldigungsgeschwurbel zur Lachnummer degradieren und sie darum selbst nicht mehr ernstgenommen werden können.

(1) http://www.franz-sales-haus.de/nc/franz-sales-haus/aktuelles/newsausgabe/article/engagement-fuer-ehemalige-heimkinder-zeigt-wirkung.html?tx_ttnews[backPid]=50

(2) http://www.readers-edition.de/2012/05/23/eingelullt-und-abgehakt-wie-tatervertreter-ihre-heimopfer-abservieren-wollen-3/

(3) http://gewalt-im-jhh.de/hp2/ESV_in_der_Pflicht_-_Endlich_V/esv_in_der_pflicht_-_endlich_v.html

(4) http://gewalt-im-jhh.de/hp2/ESV_in_der_Pflicht_-_Endlich_V/esv_in_der_pflicht_-_endlich_v.html

(5) http://dierkschaefer.wordpress.com/2013/01/22/da-ist-wohl-was-dumm-gelaufen/

(6) Absage behinderter Opfergruppen http://gewalt-im-jhh.de/Runder_Tisch_-_Informationen_u/runder_tisch_-_informationen_u.html

Heimkinder, Heimopfer, Opferfonds, behinderte Kinder, behinderte Schulkinder, psychische Gewalt, physische Gewalt, sexueller Mißbrauch, Evangelische Kirche, Diakonie

Kommentare dazu: http://www.readers-edition.de/2013/05/13/angstfurzen-behinderteneinrichtungen-suchen-kostentrager-zur-entschadigung-ihrer-opfer/

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Published by Helmut Jacob
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