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24. Oktober 2010 7 24 /10 /Oktober /2010 15:43

24. Oktober 2010
Helmut Jacob  Am Leiloh 1  58300 Wetter

Bergische Diakonie Aprath
Herrn Pfarrer Iwand Schneider
Otto-Ohl-Weg 10
42489 Wülfrath
Email: peter.iwand@bergische-diakonie.de

Verbrechen an Heimkindern in Ihrer Einrichtung

Sehr geehrter Herr Pfarrer Schneider!

Eigentlich müßte ich entsetzt sein angesichts der Verbrechen, die in den 60er und 70er Jahren an Heimkindern Ihres Hauses „Gut an der Linde“ verübt wurden. Ich bin jedoch keineswegs entsetzt. Reihen sich diese Verbrechen doch ein in das System von  Gewalt und Verbrechen, das zu dieser Zeit in allen Heimen herrschte. Ihr Haus ist nicht das erste, es wird auch nicht das letzte sein, zumal noch keine Beweise vorliegen, die besagen, daß es in diesem Zeitraum Einrichtungen ohne Gewalt gab.

So ist es um so erstaunlicher, daß Sie überhaupt noch den Weg der wissenschaftlichen Aufarbeitung gehen wollen. Viel billiger ist die Flucht nach vorn. Es genügt ein umfangreiches Eingeständnis der Schuld und des Versagens Ihrer Vorgänger. Nach der wissenschaftlichen Aufarbeitung kämen Sie zu keinen wesentlichen neueren Erkenntnissen, als sie Ihnen bereits durch Opferaussagen und Pressemitteilungen vorliegen. Ich möchte Ihnen dies in einem der nächsten Absätze am Beispiel Volmarstein verdeutlichen, aber zunächst einige Bemerkungen zur Suche eines billigen Wissenschaftlers äußern.

Prof. Wolf von der Universität Siegen liegt mit seinen Berechnungen über 200.000 € für eine wissenschaftliche Expertise genau richtig, wenn nicht sogar zu tief. Eine solche Studie braucht 2 bis 3 Jahre Zeit. Es müssen umfangreiche, schwierige, einfühlsame Gespräche geführt werden, um das Grauen erst einmal zu erfassen. Danach sind Kontrollgespräche zur Überprüfung des Wahrheitsgehaltes zu führen. Die Historiker Dr. Ulrike Winkler und Prof. Hans Walter Schmuhl schreiben zu ihrer Vorgehensweise:

Bei allen unseren Gesprächspartnerinnen und -partnern haben wir uns gegen narrative Interviews, wie sie normalerweise in oral-history-Projekten geführt werden,17 entschieden. Wieso? Narrative, also „erzählerisch freie“ Interviews geben Auskunft über die „Lebensgeschichte“ des Befragten bzw. der Befragten. Dieser „Lebensroman“ eines jedes Menschen ist ein Produkt seiner Erlebnisse und seiner Versuche, das Erlebte vor dem Hintergrund seines „sozialen Wissens“ (z. B. religiöse, moralische, politische Überzeugungen)18 zu verstehen, zu interpretieren und es schließlich in das je individuelle Bild von der „Welt“ oder eben in die eigene Biographie sinnvoll zu integrieren. Dieser Prozess kann auch als Erfahrung bezeichnet werden.19 Häufig verschwimmen in narrativen Interviews Erlebnis und Erfahrung, sie sind nur schwer zu trennen.
In unserem Projekt aber sollten die Interviews mit den Betroffenen und ehemaligen Beschäftigten primär dazu dienen, die Verhältnisse im Johanna-Helenen-Heim im fraglichen Zeitraum auszuleuchten und dabei jene Facetten des Alltagslebens in den Blick zu nehmen, die sich in den Akten nur andeutungsweise oder gar nicht niedergeschlagen haben. So kann man im Fall des Johanna-Helenen-Heims von einer Subkultur der Gewalt sprechen, die sich aber – wie es einer Subkultur eigen ist – eben nicht schriftlich überliefert hat. Daher haben wir uns für leitfadengestützte Interviews entschieden. Diese zeichnen sich durch eine verhältnismäßig starke Strukturierung der Gesprächssituation aus und sind daher in besonderem Maße geeignet, eingeschliffene und vom Befragten in aller Regel nicht mehr hinterfragte Erzähl- und Erinnerungsmuster aufzubrechen. Natürlich war während der Gespräche und in deren anschließenden Auswertung zu berücksichtigen, daß sich unsere Interviewpartnerinnen und -partner untereinander kennen und in einem engen persönlichen Austausch miteinander stehen. Die intensive Öffentlichkeitsarbeit der FAG-JHH 2006 und ihre auf ihrer homepage abzurufende Dokumentation konnten zudem dazu beitragen, daß sich die Berichte der Interviewten tendenziell anglichen. Die Unterbrechung des Erzählflusses durch das im Leitfaden vorgegebene Frageraster erwies sich hier von unschätzbarem Vorteil. Wo persönliche Gespräche mit Betroffenen nicht möglich bzw. nicht gewünscht waren, haben wir auf deren schriftliche Erinnerungen, die die FAG-JHH 2006 ebenfalls auf ihrer homepage veröffentlicht hat, zurückgegriffen.
Sodann haben wir die einschlägigen Bestände des Archivs der Evangelischen Stiftung Volmarstein, des Archivs des Diakonischen Werkes der EKD in Berlin und des Alt-Archivs des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe in Münster gesichtet und systematisch ausgewertet. Besonders wertvoll waren die schriftlichen Hinterlas-senschaften der Schwestern der „Schulstation“ im Johanna-Helenen-Heim, die uns im Archiv der Königsberger Diakonie in Wetzlar und im Archiv des Diakoniewerks RuhrWitten zugänglich gemacht wurden.
Die Vielfalt der, wenn auch nicht unproblematischen, so doch aussagekräftigen Quellen, gepaart mit einem differenzierten methodischen Zugriff, gestattete schließlich einen multiperspektivischen Blick auf und in das Johanna-Helenen-Heim.

Grundvoraussetzung für eine gelungene wissenschaftliche Expertise ist die Kooperation mit den Opfern.

Wenn Ihnen 200.000€ zu hoch erscheinen, läßt sich dies nur so erklären, daß Sie davon ausgehen, daß der Fall im Grunde klar ist und umfangreiche „Hintergrund-Wissenschaft“ bereits in Unmengen vorliegt. Sicher wissen Sie um die Gründe für diese Verbrechen: Schlecht ausgebildetes oder unausgebildetes Personal, schlechte Bezahlung, auch darum Personalnot, unzureichende Tagessätze der Kostenträger, das völlige Versagen sämtlicher Aufsichtsmechanismen innerhalb und außerhalb Ihrer Einrichtung, räumliche Enge und die „Hackordnung“ untereinander. Eigentlich reicht es, die Erinnerungen der Opfer zu sammeln und zu dokumentieren und dafür sind selbst 50.000€ bei weitem zu viel. Wollen Sie allerdings für 50.000€ eine komplette Studie haben, müssen Sie dem Vorwurf reichlicher Naivität entgegentreten.

Kommen wir nun zu Volmarstein. Der Vorgänger des heutigen Stiftungsleiters hat sich mit seinen Eskapaden in Sachen Aufklärung der Verbrechen in den Orthopädischen Anstalten Volmarstein selbst ins Abseits geschossen. Seine „Volmarsteiner Erklärung“ geriet zu einer Lachnummer und schnell wurde besagter Anstaltsleiter von keiner Seite mehr ernst genommen. Sie können seine Tragödie auf der Homepage www.gewalt-im-jhh.de nachlesen. Sein Nachfolger ist mit dem „Kehrbesen der Aufrichtigkeit“ an das schwarze Kapitel der Orthopädischen Anstalten herangegangen: Er hat den Opfern geglaubt, war persönlich erschüttert und wollte das tatsächliche Ausmaß dieser Verbrechen und die Gründe dafür wissen. Daraus entwickelten sich 3 Jahre Forschungsarbeit. In der Zwischenzeit gründete sich eine Arbeitsgruppe, in der Opfer und ehemalige Mitarbeiter selbst auch „ihre Aufarbeitung“ vornahmen. Die Arbeitsgruppe unterstützte umfangreich die Wissenschaftler und erstellte selbst eine „Zusammenfassung der Aufarbeitung der Grausamkeiten, Brutalitäten und Verbrechen an behinderten Kleinkindern und Kindern in der Zeit zwischen 1947 und 1969 in verschiedenen Häusern der damaligen Orthopädischen Anstalten Volmarstein.“ Sie ist auf oben genannter Homepage zu finden.

Die Erkenntnisse der Wissenschaftler, die etwa 4 Monate später mit dem Buch „Gewalt in der Körperbehindertenhilfe - Das Johanna-Helenen-Heim in Volmarstein von 1947 bis 1967“ vorgestellt wurden, bestätigen die Aussagen der Opfer und ergänzen sie. Selbst an dem Buch haben Heimopfer mitgewirkt. Ihnen wurde nicht nur angeboten, selbst ein Vorwort zu diesem Buch zu schreiben, sie sollten es auch nach dem fast fertigen Entwurf gegenlesen. Dies hatte zur Folge, daß noch viele Fakten eingefügt oder richtig gestellt werden konnten. Die Gruppe hat aus der Erinnerung mit Hilfe alter Baupläne, die der neue Stiftungssprecher selbstverständlich zur Verfügung stellte, jene Räumlichkeiten maßstabsgerecht rekonstruieren können, die für die Kinder relevant waren. So entstand ein glaubwürdiges Buch unter vielen meist unglaubwürdigen Büchern.

Um zu Ihrem Problem zurück zu kommen: Es lohnt sich, den Opfern Ihrer Einrichtung Glauben zu schenken, ihre Geschichten ernst zu nehmen und sie zu dokumentieren. Sie werden schnell erfahren, daß auch die Opfer Ihres Hauses eher keine Verbrechen schildern, die sie nicht belegen können. An den Fakten gibt es eigentlich nichts zu rütteln. Es haben Verbrechen stattgefunden und in dem Ausmaß, wie es die Opfer aufzeigen. Die Berichterstattung in der Presse und im Internet lassen keine andere Einschätzung zu. Jedes Drumherumlavieren, also Beschönigen, Abstreiten oder Anzweifeln schadet dem Ruf Ihrer Einrichtung und – siehe das Beispiel in Volmarstein – auch Ihrem eigenen Ruf.

Es bieten sich Ihnen zwei Möglichkeiten: 1. Die wissenschaftliche Aufarbeitung mit Beteiligung der Opfer ab sofort, um den Opfern weiteren Schaden durch beispielsweise Retraumatisierungen zu ersparen. Oder 2. Verzicht auf Aufarbeitung und ein völliges Schuldeingeständnis für die Verbrechen im genannten Zeitraum; dauerhafte Dokumentation des vorliegenden Materials an gut plazierter Stelle Ihrer Homepage und in Broschürenform zur Weitergabe an die Opfer. Die so eingesparten 50.000€ für Wissenschaftler könnten Sie sofort in einen Opferfonds Ihrer Einrichtung einzahlen, damit erste Maßnahmen zur Abfederung der Folgen der Verbrechen Ihrer Einrichtung finanzieren und damit das Image Ihres Hauses aufpolieren.

Sollten Sie die Hoffnung haben, durch eine wissenschaftliche Expertise in der Beurteilung der Gewalt günstiger davon zu kommen, dann geben Sie den Auftrag jetzt endlich. Das sind Sie den Opfern und der Gesellschaft schuldig. Wir werden dieses Thema im Auge behalten.

Mit freundlichen Grüßen
Helmut Jacob

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Published by Helmut Jacob
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