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4. Juli 2011 1 04 /07 /Juli /2011 16:11

Wittekindshof Buch„Als wären wir zur Strafe hier - Gewalt gegen Menschen mit geistiger Behinderung – der Wittekindshof in den 1950er und 1960er Jahren"

 

Gutes Handwerk zweier Historiker – im Weißwaschgang des Stiftungssprechers Dierk Starnitzke

 

„Das ist ja widerlich“, möchte man angesichts des „Geleitwortes“ zum Buch über Gewalt und Verbrechen im Wittekindshof ausrufen. Wenn man nicht auch andere Geleitworte gelesen hätte, die – wie auch in diesem Fall - von Zeile zu Zeile mehr zum Geleitgestammel verkommen sind. Die Bodelschwinghschen Anstalten mit dem Buch „Endstation Freistatt“ und die Evangelische Stiftung Volmarstein mit ihrem Buch „Gewalt in der Körperbehindertenhilfe“ lassen grüßen.

 

Auf fünf Seiten gerät Pfarrer Prof. Dr. Dierk Starnitzke, Vorstandssprecher der Diakonischen Stiftung Wittekindshof, fast ins Schwärmen: „Das hier vorgelegte Buch ist Teil eines größeren Projektes. Anlässlich des anstehenden 125-jährigen Jubiläums ... findet aktuell eine umfangreiche Aufarbeitung der bisherigen Geschichte des Wittekindshofes statt.“ Was dann folgt, gereicht der Festzeitschrift eines Kaninchen-Zuchtvereins zur Ehre. Man lobt und bejammert gleichermaßen das letzte Jahrhundert, stellt hier und da Problemchen fest („problematische Seiten“ und für „zahlreiche[n]  Menschen verletzenden Erfahrungen“) , die man von geschulten Außenstehenden unabhängig untersuchen lässt („Wer daran Zweifel hat, wird durch die Texte selbst eines besseren belehrt.“) und schlägt sich im gleichen Atemzug selbst auf die Schulter: „Eine distanzierte und kritische Grundhaltung der Autoren gegenüber den Untersuchungssachverhalten ist dabei ausdrücklich erwünscht.“ Ob es dieser Betonung noch einmal bedurfte? Wer die Autoren des Buches, Dr. Ulrike Winkler und Prof. Hans-Walter Schmuhl aus ihren Vorarbeiten kennt, weiß, dass sie sich nicht manipulieren lassen.

 

In dem Geleitwort zum Buch ist kein einziges Mal der Begriff „Verbrechen“ zu finden, obwohl es das pure Grauen und etliche Verbrechen darstellt, selbst, wenn sie großteils lediglich aus Akten rekonstruiert werden konnten. Beispiel: „Vor sechs Wochen sei Pfleger C. nachts zu ihm in das Bett gekommen, habe ihn an seine Geschlechtsteile gefasst, sich auf ihn gelegt und ihm gesagt, während er sich sträubte, er solle ruhig sein, er müsse das doch auch lernen. Trotz seines Widerstandes habe er ihn auf den Bauch gelegt und ihm sein Geschlechtsglied in den After eingeführt. Er habe sich nicht frei machen können, da C. seine Beine mit den seinen eingeklemmt habe; hierbei sei er auch nass geworden; hinterher habe er erbrechen müssen und heftige Bauchschmerzen gehabt.“ Diese Vergewaltigung und andere Verbrechen unter evangelischem/diakonischem Dach finden im Geleitwort keine Reflektion.

 

Vielmehr betont Dierk Starnitzke, dass es – man kann Genugtuung zwischen den Zeilen lesen –in anderen Einrichtungen ebenso gewesen ist, was der „Runde Tisch Heimerziehung“ ja auch bestätigt habe. Ansonsten sucht er die Schuld für die Verbrechen an den Hilflosesten der Gesellschaft, nämlich an körper- und/oder geistig Behinderten, weniger bei den verantwortlich Leitenden der damaligen Zeit, als in den Umständen: „... hat es in mehreren Häusern in der Diakonischen Stiftung Wittekindshof in den 1950er und 60er Jahren ausgesprochen schwierige Lebens- und Arbeitsbedingungen gegeben. ... Das zahlenmäßige Verhältnis von Personal zu unterstützten Menschen mit Behinderungen war zum Teil katastrophal niedrig. Es gab deutlich zu wenig fachlich für die Behindertenhilfe ausgebildete Mitarbeitende. Diese Grundsituation führte regelmäßig zu Überlastungssituationen mit entsprechenden Folgen.“ Den Nährboden für die Misshandlungen sieht er auch nicht etwa im Versagen betriebsinterner Kontrollmechanismen, sondern extern: „Eine öffentliche Heimaufsicht spielte hier offenbar als hilfreiches Korrektiv kaum eine Rolle.“

 

Hannelore A., deren Leidenszeit in dem Buch ausgiebig dargestellt wird, findet folgende Formulierung des Pfarrers besonders abstoßend: „Grundansatz der öffentlichen Behindertenhilfe war offensichtlich eine Ausgliederung der Menschen besonders mit geistiger oder mehrfacher Behinderung aus dem alltäglichen gesellschaftlichen Leben. Dabei ist allerdings zu beachten, dass Menschen mit Behinderungen nun immerhin in ihren elementarsten Lebensbedürfnissen versorgt wurden, während sie noch wenige Jahre zuvor in der NS-Zeit in staatliche Einrichtungen verlegt und dort in großem Umfang getötet oder dem Sterben überlassen wurden. “ Hannelore A.: „Was haben solche Hinweise auf die NS-Zeit mit den an uns verübten Verbrechen in einer kirchlichen Einrichtung zu tun?“ Nach dieser Bemerkung versteigt sich Pfarrer Starnitzke noch zur Lobhudelei: „Insofern handelt es sich bei der Behindertenhilfe der 1950er  und 60er Jahre trotz aller problematischen Seiten auch um eine elementare Leistung der Hilfe zum Leben, die zunächst einmal grundsätzlich gewürdigt werden sollte.“

 

Wer übrigens in dem „Geleitwort“ der Diakonischen Stiftung Wittekindshof eine öffentliche, an die Opfer gerichtete Entschuldigung sucht, wird herbe enttäuscht. Dieser Begriff scheint im Vokabular der Einrichtung nicht vorhanden zu sein. Statt dessen gibt es sogar Prügel für die Presse: „Es wird nun auch weiterhin darum gehen müssen, auf der Basis der Ergebnisse dieser Studie auf diese Menschen zuzugehen und mit ihnen über ihre Erlebnisse ins Gespräch zu kommen. Dann kann hoffentlich ein offener Dialog entstehen, der möglichst wenig durch eine nicht zuletzt von Medien geschürte Polemik und entsprechende Reaktionen in der Öffentlichkeit belastet ist.“ Ein besonderes Gefühl brennt Pfarrer Starnitzke so unter den Nägeln, dass es heraus muss: „Manche werden sich auch fragen, ob denn eine derart intensive Aufarbeitung der problematischen Geschehnisse dieser Zeit wirklich nötig gewesen ist und dieses auch deutlich kritisieren.“ Seine Sorgen sind sicher völlig unberechtigt.

 

Starnitzkes „problematischen Seiten“ mit für „zahlreiche[n]  Menschen verletzenden Erfahrungen“ haben die Historiker Schmuhl und Winkler, gottlob, schonungslos seziert. Ihre Aufarbeitung betrifft im Wesentlichen die Zeit zwischen 1925 und 1955 und fußt auf Aktenmaterial. Dieses lassen sie in Vergleichen und Originalzitaten lebendig werden. Zeitzeugen scheint es nicht mehr sehr viele zu geben, allerdings ist es auch schwer, geistig behinderte Opfer zu finden, die ihr Elend artikulieren können. Warum die Nachkriegsjahrzehnte lediglich in den Erinnerungen der Hannelore A. („Eine vom Wittekindshof“) und von Georg B. („Manche haben uns behandelt, als wären wir zur Strafe hier“) ihre Aufarbeitung finden, kann nur damit erklärt werden, dass die Akten aus diesem Zeitraum unzureichend oder unglaubwürdig (siehe geschöntes Aktenmaterial Freistatt) oder bereits nicht mehr vorhanden waren. Welcher Täter dokumentiert schon seine Verbrechen zwischen Aktendeckeln.

 

Ulrike Winkler und Hans-Walter Schmuhl haben gute Arbeit abgeliefert. Sie haben im Rahmen der ihnen vorliegenden Unterlagen und der wenigen Gespräche ein realistisches Bild des Heimalltags und der Gewalt und Verbrechen in der evangelischen Anstalt Wittekindshof nachgezeichnet. Dabei sind sie unbeirrt ihren Weg der Neutralität, aber auch ihrem Einfühlvermögen in Gesprächen nachgegangen. Ihre Erkenntnisse decken sich mit denen, die sie in der Evangelischen Stiftung Volmarstein gewonnen haben: „Die eigentlichen Ziele der Arbeit mit geistig behinderten Menschen – Förderung der körperlichen, seelischen und geistigen Anlagen, Beschulung, berufliche und soziale Rehabilitation – traten demgegenüber oft genug in den Hintergrund.“ Winkler/Schmuhl weiter: „Damit aber näherten sich die Häuser des Wittekindshofes dem Typus der totalen Institution im Sinne Erving Goffmans an, deren Zweck – ungeachtet der offiziellen Organisationsziele – vor allem darin besteht, den Tagesablauf einer großen Zahl von Menschen in einem geschlossenen System, auf beschränktem Raum, mit möglichst geringen materiellen und personellen Ressourcen zu steuern. Das Personal musste den Zwiespalt zwischen den – in einer konfessionellen Anstalt noch religiös überhöhten – Organisationszielen und der Notwendigkeit, ‚Betrieb zu machen‘, als extreme kognitive Dissonanz erfahren. Vom Selbstverständnis der Einrichtung her sollten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die ‚Insassen‘ als Mitmenschen sehen, denen sie ‚unter dem Kreuz‘ begegnen sollten. Um aber auf der Schicht ‚durchzukommen‘, blieb ihnen kaum etwas anderes übrig, als die ‚Insassen‘ als Objekte zu behandeln, die den Betriebsabläufen angepasst werden mussten.“

 

Das Buch umfasst 224 Seiten, ist im Verlag für Regionalgeschichte 2011 in Gütersloh erhältlich (ISBN: 978-3-89534-899-0) und kostet 14 Euro.

Ein sozialer Preis darum, weil den Historikern daran liegt, dass die Heimbewohner und die Heimopfer dieses Buch kaufen können. Wie im Falle ihres vorherigen Buches „Gewalt in der Körperbehindertenhilfe“ wird diese Dokumentation einen Beitrag zur Therapie der Opfer leisten, weil sie sich in diesem Werk wiederfinden. Es könnte auch ein wichtiger Beitrag zur innerbetrieblichen Ausbildung dieser Einrichtung sein, wenn es jedem neuen Mitarbeiter mit den Einstellungspapieren mitgegeben würde.

 

Heimkinder, Heimopfer, Vergewaltigung, Misshandlung, körperbehindert, geistig behindert, Wittekindshof, Schmuhl, Winkler, Evangelische Stiftung, Diakonie,

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Published by Helmut Jacob
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Kommentare

Reiner Gläser 07/07/2011 01:02


Erinnert mich an die Bergische Diakonie Aprath... ( Wo es auch neuigkeiten gibt /Update unserer Webseite http://amd.co.at/anti/moitzfeld/news.html

mfg
Ehemalige Kinder des Jungenheim Gut an der Linde der BDA