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7. Juni 2009 7 07 /06 /Juni /2009 19:38

Feststellung: Der Verein ehemaliger Heimkinder (VeH) hat Ende Mai 2009 einen Opferentschädigungsfond in Höhe von 25 Milliarden Euro öffentlich gefordert und will diese Forderung im Rahmen des dritten Sitzungskomplexes des Runden Tisches Heimkinder am 15./16. Juni noch einmal vortragen.

 

Dass der Opferentschädigungsfond berechtigt ist, darüber muss wirklich nicht mehr dikutiert werden. Bereits die Verbrechen, die in dem Buch des Spiegel–Journalisten Peter Wensierski „Schläge im Namen des Herren“ aufgezeigt sind, schreien bereits nach Entschädigung für zahlreiche verpfuschte Leben. Angesichts der Grausamkeiten haben viele Heimopfer nach Entlassung aus ihrer jeweiligen Hölle nie wieder Fuß fassen können. Manche sind kriminell geworden, manche haben sich oder andere umgebracht, manche haben nichts gelernt und konnten im späteren Leben kein sozialhilfefreies Leben führen. So ist es geradezu eine Schande und bezeichnend für die Vertuschungskultur von Behörden und Kirchen, dass dieser Opferfond, in Form eines Feuerwehrfonds für dringende seelische Reparaturen (Psychotherapien), nicht schon im Jahre 2006 auf die Beine gestellt wurde.

 

Ist die Höhe gerechtfertigt? Dieser Frage muss man mit einer Gegenfrage entgegentreten: Reicht die Höhe aus? Nach dem Wensierski-Buch schwirrte die Zahl „500.000 Heimopfer“ durchs Internet und durch die Gazetten. Neueste Zahlen sprechen von sogar 800.000 Opfern. Bei dieser Anzahl würden im Rahmen einer finanziellen Wiedergutmachung gerade mal 32.000 Euro ausgezahlt. Ist damit alles wiedergutgemacht?

 

Allerdings muss Gutmachung auch in anderer Form geschehen: Finanzierung von Therapieeinheiten über den gesetzlichen Rahmen hinaus und ohne bürokratische Hürden für Traumatisierte; Finanzierung von pflegerischer Betreuung für sowohl alte als auch behinderte Heimopfer, damit sie nicht wieder Gewalt, diesmal in einem Altersheim befürchten müssen. Vielen Opfern reichen solche Absicherungen aus. Wäre der Opferfond schon eingerichtet und ein wenig gefüllt, könnte man solche Erste-Hilfe-Maßnahmen (Therapien und Pflegeassistenz) schon heute finanzieren. Solche Hilfen sind längst überfällig und bedürfen nicht des Segens irgend eines Runden Tisches!

 

Ich denke – allerdings nur beispielsweise - an die Opfer von Freistatt. Sie wurden ins Moor gepeitscht. Ihre Bezahlung geschah, wie ich erst vor wenigen Tagen erfuhr, teils in Zigaretten-Währung, wobei einige zuvor nikotinsüchtig gemacht wurden. Ihre Arbeitszeit betrug 8-12 Stunden und dies auch an Samstagen. Sonntags wurden sie – wenigstens teilweise – zum Kirchgang abkommandiert. Da dies in Zwang geschah, zählt auch dieses zur Arbeitszeit. Gehen wir von einer Wochenarbeitszeit von 50 Stunden aus, so haben diese gequälten Jugendlichen 2500 Stunden im Jahr bei Wind und Wetter und unter Prügel im Moor gestanden. Über Stundenlöhne dieser Zeit will ich erst gar nicht schwadronieren. Wer diese Zahlen heranzieht, denkt bereits an eine Schadensbegrenzung. Gesühnt werden muss zusammen mit der Arbeitszeit die erlittene Gewalt. 12,80 Euro pro Stunde Wiedergutmachung für Zwangsarbeit und Misshandlung. Ist das zuviel? – Aber: An anderen Opfern müssen völlig andere Verbrechen gesühnt werden.

 

Wie bringt man Forderungen nach einem Opferentschädigungsfond so rüber, dass die Bevölkerung diesen Fond als gerechtfertigt betrachtet? Machen wir uns nichts vor: Wir brauchen die Bevölkerung auf unserer Seite. Setzt sich Stammtischmeinung durch, nach der „die da nur abzocken wollen“, werden die berechtigten Forderungen zumindest weiter auf die Wartebank geschoben. Unsere Mitmenschen müssen sehen: Da geschah unendliches Leid, dafür müssen die damaligen Kinder und Jugendlichen etwas erhalten, in welcher Form auch immer. Meinungsbildend wirkt hier die Presse. Dieser Kontrollstelle der Demokratie kann man nur immer wieder danken. Sie haben die Verbrechen in ihrer Tragweite erkannt und sie stehen hinter den Forderungen nach einem Entschädigungsfond; ebenso wie beispielsweise einer der wenigen aufrichtigen „Opfer-Anwälte“, Pastor Dierk Schäfer, der schon frühzeitig darauf hinwies, dass Entschuldigung immer auch Reue und Wiedergutmachungsperspektiven beinhalten muss.

 

Das bisherige Blatt zu unseren Gunsten wendet sich allerdings schlagartig, wenn bereits Summen ins Internet und in die Zeitungen geschmissen werden. Wie kommt der VeH zu seiner geforderten Summe? Muß nicht erst eine Bedarfsermittlung her? Ist es nicht viel vernünftiger, erst einmal überhaupt den Opferfond durchzusetzen, auf erste Einzahlungen zu drängen und den Runden Tisch ermitteln zu lassen, wieviel Opfer es denn nun wirklich sind?

 

Einen bitteren Beigeschmack bekommt diese mit einer Zahl konkretisierte Forderung auch, wenn sie bereits zum derzeitigen Zeitpunkt mit dem juristischen Brecheisen durchgesetzt werden soll. Zwar sitzen am Runden Tisch, im Talar getarnt, knallharte Juristen. Aber noch haben sie anscheinend nicht versucht, ihre juristischen Tricks anzuwenden. Also sollten wir Heimopfer nicht selbst mit der Brechstange losziehen. Bis zum Zwischenbericht des Runden Tisches am Ende dieses Jahres müssen wir uns gedulden. Das erwartet die Presse und damit auch die Bevölkerung von uns, und das zu recht. Wir dürfen nicht drei Jahre nach einem Runden Tisch jammern und ihn dann nach einem halben Jahr zerschlagen wollen.

 

Gleichwohl trifft ein Vorwurf den Runden Tisch schon heute: Seine Geheimhaltung, seine geheimen Sitzungen, seine nichtssagende Homepage. Die Opfer haben ein Anrecht darauf, über alles, aber auch ausnahmslos alles, informiert zu werden, was dort verhackstückt wird. Natürlich bleiben persönliche Berichte davon ausgeschlossen. Der Deutsche Bundestag hat sicher nicht gemeint: Mauschelt mal im Geheimzirkel, buttert die 3 VeH-Vertreter unter und macht die Opferansprüche so klein wie möglich. Oder etwa doch? Diesem stetig wachsenden Eindruck gilt es, mit intensiver und ausführlicher Öffentlichkeitsarbeit des Runden Tisches entgegenzutreten.

 

Helmut Jacob

07.06.2009

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Published by Helmut Jacob
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Kommentare

Heinz Jürgen Kriebel (Serafin) 06/23/2009 17:04

Hätte mich ganz gerne mal mit Ihnen unterhalten.
Bitte um Rückantwort.Viele Grüsse