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16. Mai 2009 6 16 /05 /Mai /2009 14:47
"Ich bedauere zutiefst, was damals im Namen der Diakonie geschehen ist", sagte Kottnik, Präsident des Diakonischen Werkes der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), am Freitag in Hannover. ....
Er habe früher von Einzelschicksalen gesprochen, sagte der Präsident. Heute wisse er, dass dies eine unzulässige Bagatellisierung sei. Das erzieherische Handeln in Freistatt und anderen Einrichtungen übertreffe bei weitem das, was damals in den Schulen und Familien üblich war. "Ich will, dass es für die Betroffenen in irgendeiner Form eine Wiedergutmachung gibt", betonte Kottnik. Der vom Bundestag eingerichtete Runde Tisch, an dem sich auch die Diakonie beteiligt, wolle Ende Juni erste Vorschläge unterbreiten.
http://www.epd.de/nachrichten/index_65034.html

Kommentar

Tiefes Bedauern ist noch keine Entschuldigung. Eine Entschuldigung beinhaltet den Begriff „Entschuldigung“. Ihm folgt eine Bekanntgabe der Fakten, für die man sich entschuldigen will. Warum diese Kleinkariertheit? Weil im Internet unzähliges „tiefes Bedauern“ zu finden ist. Bereits am 18.09.2008 hat sich Kottnik mit einer ähnlichen Formulierung verbogen: „Es tut mir unendlich leid“. Dieses Zitat findet sich selbst auf der Homepage des Bundesverbandes Diakonie. Ähnliche Sprachregelungen findet man auch andererorts. Der ehemalige Leiter der Evangelischen Stiftung Volmarstein, Ernst Springer, formulierte gar im „Volmarsteiner Gruß“ 3/2006: "Die ESV verneigt sich vor den Opfern physischer und psychischer Gewalt, bittet um Versöhnung und hat alle Beteiligten jener Zeit zu einem Treffen am 24. September 2006 eingeladen."

Völlig vermurkst ist ein weiterer Entschuldigungsversuch aus Springers Feder in seiner „Volmarsteiner Erklärung“, der auf der Homepage der Freien Arbeitsgruppe JHH 2006 dokumentiert ist: „Wir sprechen diesen Opfern der damaligen Zeit unsere Anteilnahme aus, trauern mit ihnen über ggfs. eine „verlorene Kindheit“ und solidarisieren uns mit ihren Leiderfahrungen“. www.gewalt-im-jhh.de

Tatsächliche Entschuldigungen sind im breiten Internet nur zwei zu finden: die von Bischöfin Käßmann und die des Landschaftsverbandes Rheinland.

Im Übrigen ist Kottnik zu Beginn seiner Amtszeit drei Schläge hinter den Aussagen seines Vorgängers Jürgen Gohde zurückgerudert und hat erst einmal streckenweise geleugnet, verharmlost, in Frage gestellt und dieses schwarzes Kapitel der Diakonie glorifiziert. Zur Situation der Opfer von Freistatt äußerte sich Kottnik in der ZDF-Sendung „frontal 21“ am 22. April 2008: „Zwangsarbeit wäre ja so etwas wie eine systematische Situation. Den Vergleich mit der Zwangsarbeit, den sehen wir nicht gegeben. Es war damals zu diesem Zeitpunkt völlig üblich, dass auch die Kinder auf Bauernhöfen mitgearbeitet haben, mit zum Erwerb der Familie beigetragen haben. Und so haben die Kinder, die in den Heimen gelebt haben, mitgeholfen, zum Unterhalt der Heime beizutragen. Also Zwangsarbeit ist etwas, was wir da überhaupt nicht als eine Parallele ansehen.“

So fühlte ich mich gezwungen, ihn in einem offenen Brief zu fragen: „Sehr geehrter Herr Präsident! Schlagen Sie Ihre Frau? „Nein!“, werden Sie entrüstet sagen. Und das ist auch gut so, denn man schlägt keinen anderen Menschen. Allerdings muß ich Ihnen entgegenhalten: Eigentlich müssten Sie Ihre Frau jeden Tag schlagen, wenn Sie sich an Ihren eigenen Worten messen, wenn Sie glaubwürdig sein wollten.“

Ich versuchte, ihm zu verdeutlichen, dass in seinem Haushalt auch eine gewisse Zwangsarbeit ausgeführt würde und er seine Frau, im Gegensatz zu den Zwangsarbeitern in Freistatt, sicher nicht dabei verprügeln würde. http://frontal21.zdf.de/ZDFforum/ZDFde/inhalt/12/0,1872,7227596,00/msg1633687.php

Ein Stück Unglaubwürdigkeit ist auch in dem Umstand zu finden, dass er sich hinter dem Runden Tisch verschanzt. Er wartet auf Vorschläge des Runden Tisches, wie die Verbrechen gesühnt werden könnten, legt aber selbst keine Konzepte vor.

In einem Leserbrief von 2007 betont Dierk Schäfer, Psychologe und Theologe, auch die finanzielle Mitverantwortung der Kirchen: „Eine kirchliche Bitte um Vergebung würde um so glaubhafter, wenn die Kirchen zusammen mit den staatlichen Instanzen einen Opferfonds finanzierten, aus dem dann die erforderlichen Psychotherapien bezahlt werden können, die den traumatisierten Heimkindern helfen, mit ihrer Vergangenheit fertig zu werden.“

Mit seinen verbalen Manövern hat Kottnik letzten Endes Schaden angerichtet. Seine Glaubwürdigkeit ist eher ruiniert und er hat zu der Skandalchronik der Evangelischen Kirche ein weiters Kapitel hinzugeschrieben.

Helmut Jacob, 16.05.2009


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Published by Helmut Jacob
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