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11. Januar 2009 7 11 /01 /Januar /2009 20:21

Heimkinder sollen entschädigt werden

In Niedersachsen leben 50.000 ehemalige Heimkinder, die in der Nachkriegszeit von Erziehern misshandelt wurden. Sozialministerin Ross-Luttmann und Landesbischöfin Käßmann versprechen den Opfern nun eine Entschädigung.
Link: http://www.taz.de/regional/nord/nord-aktuell/artikel/1/kinder-in-kettenhosen/

Leserbrief

Grundrente bis zum Lebensende

Die Forderung der Landesbischöfin Käßmann und Niedersachsens Sozialministerin Ross-Luttmann sind kein Grund zum Jubeln, weil sie viel zu spät kommen und längst noch nicht in die Tat umgesetzt sind. Nach dem Buch von Wensierski bis heute sind viele der etwa 500.000 Opfer erneut zum Opfer, nämlich der natürlichen Auslese geworden. Sie haben weder eine aufrichtige Entschuldigung noch eine materielle Entschädigung für ihr oft verpfuschtes Leben erhalten. Viele hätten gewiss ein andere Gesundheit, einen anderen Beruf, ein anderes soziales Umfeld erlebt, wenn sie nicht Opfer von Verbrechen in Heimen geworden wären. Mir scheint seit langem, daß solche Zeitstreckungen beabsichtigt sind, um die Folgekosten so gering wie möglich zu halten.

Die Meinung, auf keinen Fall pauschal zu entschädigen, ist kurzsichtig herausposaunt. Bei individueller Entschädigung muss jedes Opfer erneut die Hose fallen lassen und alles noch einmal vortragen, was es noch heute beschämt und jahrzehntelang sprachlos gemacht hat. Völlig aus dem Raster fallen all jene Opfer, die sich nicht artikulieren können, nicht Redegewandte, geistig Behinderte, sprachlich Behinderte oder Stumme und solche, die heute noch so sehr leiden, daß sie Tage oder Wochen bräuchten, um ihr Erlebtes auszusprechen.

Auf der HP gewalt-im-jhh.de dokumentieren wir die Aufarbeitung gerade solcher Fälle und erleben, welche Qualen es für diese Opfergruppe bedeutet, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzten. Die Lösung kann also nur zwischen pauschaler und individueller Entschädigung liegen. Nach meiner Meinung müssten alle Opfer eine Grundrente bis zu ihrem Lebensende erhalten. Darüber hinaus müssen zusätzliche individuelle Hilfen, psychologisch, therapeutisch, sozial und alltagsbegleitend und zusätzlich finanzielle gewährt werden. Eine Gesellschaft, die wenigstens 500 Milliarden Euro für Börsenspekulanten und stümperhafte Banker rausschmeißt, wird diese andere kleine Last aus der Portokasse schultern.

Helmut Jacob, Wetter

erschienen in taz-Printausgabe 29. 12. 08

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Published by Helmut Jacob
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Kommentare

Heinz Jürgen Zrock 06/17/2010 12:10


Ich selber war im JHH ab 1964. Jetzt lebe ich in Österreich in Wien. Nach dem JHH, kam ich in die Oberlinschule. Das JHH, war nicht nur "die Hölle", sondern die Hölle der Höllen. Von
Vergewaltigungen hin, bis zurkörperlichen Züchtigung, habe ich alles ertragen müssen! Bis heute, holt mich oft die Vergangenheit ein. Per zufall, bin ich auf diese Seite gestoßen und war froh, dass
es Mitleidende gibt, die sich outen. Ich schreibe gerne viele Erinnerungen auf und sende sie euch.