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9. Januar 2009 5 09 /01 /Januar /2009 16:53
Kommentar zum Buch:  

 

„So erzieht man keinen Menschen!“ von Carola Kuhlmann

 

Auf Carola Kuhlmann wurde ich aufmerksam, als ich im Internet eine Stellungnahme von ihr zum Umgang mit Heimkindern und -jugendlichen in der Nachkriegszeit las. Zitat aus der Homepage der Evangelischen Kirche im Rheinland: „Carola Kuhlmann, Pädagogikprofessorin, Dozentin an der Evangelischen Fachhochschule Bochum, spricht viel mehr im Blick auf Heime für Kinder und Jugendliche von einem `Doppelgesicht´. Der Rettungsgedanke habe zum Teil zu einer `entwürdigenden Erziehung´ geführt. `Gleichzeitig war auch liebevolle Erziehung zu finden.´“

 

Solche verräterischen Formulierungen sind mir bekannt, nicht zuletzt seitens zahlreicher Rechtsnachfolger solcher Heime, in denen Verbrechen an den Kindern und Jugendlichen bis in die 80er Jahre hinein stattfanden. Darum habe ich ihr Buch studiert.

 

Die Disposition verrät schon die Zielrichtung dieses Buches: Da war mal etwas in den 50er und 60er Jahren; aber nichts Schlimmes.

 

Doch zunächst zum Äußeren: Auf 200 Seiten wird das gedruckt, was ohne Kürzung auf 120 Seiten gepasst hätte. Hier bestimmt allein die Optik den Preis und der ist mit 25 € beachtlich. Etwa 40 Seiten werden mit einer „historischen Einordnung der Heimerziehung der 50er und 60er Jahre“ und dem „Forschungsstand und ... Ansatz und Methode der vorliegenden Studie“ verplempert. Historische Einordnungen gibt es im Internet und in den Fachbibliotheken zuhauf; es steht kein Satz in dem Buch, der zu einer neuen Erkenntnis führt.

 

Ab Seite 41 bis Seite 88 kommen Heimzöglinge zu Wort und zwar in der Reihenfolge: Es war besser im Heim als zu Hause (3 Aussagen), es war sowohl aus auch (3 Aussagen) und ein bisschen war es schon schlimm (5 Aussagen). Danach kommen (ehemalige) Mitarbeiter zum Zuge: a) Es waren schlechte pädagogische Methoden und schlechte Bedingungen, b) es war strenger als heute, aber nicht alles schlecht und - als hätte man es geahnt - c) es war manches besser als in der heutigen Heimerziehung.

 

Eigentlich möchte man nach dem Studium der Disposition bereits das Buch aus der Hand legen. Man ahnt, es soll das Buch von Wensierski „Schläge im Namen des Herrn“ als völlig überzogen darstellen. Ganz so schlimm war es doch nicht. Dafür hat Carola Kuhlmann Aussagen von 21 Zeitzeugen dokumentiert.

 

Vertieft man sich in den Text, so muss einem, mit der Thematik befassten Leser bereits auf der ersten Seite ganz mulmig werden. In der „Einleitung: Nur Schläge im Namen des Herrn?“ heißt es dort: „Seit vor ungefähr drei Jahren in den Medien die entwürdigenden pädagogischen Maßnahmen in der frühen Heimerziehung zum Thema gemacht wurden, hat sich die Debatte um `Schläge im Namen des Herrn´ noch nicht wieder beruhigt“.

 

Wer die Verbrechen an Kleinkindern, Kindern und Jugendlichen, die teilweise schwerst körper- und/oder geistigbehindert waren bis zum Beginn der 80er Jahre mit „entwürdigenden pädagogischen Maßnahmen“ umschreibt, will vertuschen und verharmlosen. Derartige Formulierungen ziehen sich durch das gesamte Buch. So wird die Schuld für diese Verbrechen gern in den Auswirkungen der Kriegszeit gesucht: „Dass es – wie im Buch `Schläge im Namen des Herrn´ dargestellt wurde – besonders in den 1950er Jahren eine Reihe von nicht nur autoritären, sondern zum Teil sadistische Erziehungspraxen gegeben hat, ist vermutlich als eine lange Nachwirkung nationalsozialistischer Erziehungsvorstellungen sowie als Folge von nicht verarbeiteten Erfahrungen in der NS- und Kriegszeit zu verstehen“.

 

Die Feststellung, dass bereits 1947 in den Heimen das Prügeln verboten wurde und  der Artikel 1 (1) des Grundgesetzes von 1949 diametral zu Prügel- und anderen Gewaltorgien steht, müsste spätestens danach auf dem Fuße folgen, tut es aber nicht. Es drängt sich der Eindruck auf, als ob die Heimgeschichte durch den Weißwaschgang der Nachkriegsgeschichte und der Geschichte der Pädagogik gespült werden und das Versagen kirchlicher und staatlicher Institutionen kleingeschrieben werden soll.

 

Danach kann man das Buch getrost zuklappen. Es folgt kein einziger Satz, der die Heimsituation der Kinder in den drei Jahrzehnten 1945 bis 1980 auch nur annähernd zutreffend beschreibt. Carola Kuhlmann hat entweder überhaupt nicht oder völlig mangelhaft recherchiert. Sie hat es versäumt, im World Wide Web die vielen hundert Kindheits- und Jugenderinnerungen zu studieren. Danach hätte sie ein anderes Buch geschrieben. So hat sie nur eins bewirkt: Den Kirchen nachgeplappert, die bis heute ihre Aussage verteidigen: So schlimm war es nicht und es war eben die Nachkriegs-zeit. Sie können das Buch direkt über den Gekreuzigten nageln. Aber Vorsicht: Der Gekreuzigte könnte schreien.

 

Carola Kuhlmann, so schreibt man keine Bücher und schon gar nicht als Wissenschaftlerin. Dass dieses Buch ein Beitrag zu dem Forschungsprojekt „zur Geschichte der Heimerziehung an der Evangelischen Fachhochschule Bochum“ sein könnte, sprengt den Rahmen meiner Vorstellungen.

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Published by Helmut Jacob
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